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CBAM: Grüner Stahl braucht faire Regeln

Containerschiff mit zahlreichen orangefarbenen Containern fährt über das Meer.

03. März 2026 | Lesedauer: 6 Minuten

Zu bürokratisch, zu teuer, zu protektionistisch sagen die Gegner – nicht konsequent genug die Befürworter: Die Kritik am seit Anfang 2026 gültigen CO₂-Ausgleichsmechanismus CBAM reißt nicht ab. Warum das Instrument dennoch unverzichtbar bleibt, um Carbon Leakage zu vermeiden und die Dekarbonisierung der Industrie voranzutreiben.

Die deutsche Stahlproduktion steht unter Druck. 2025 sank sie auf den niedrigsten Wert seit der Finanzkrise. Die Nachfrage von Auto- und Bauindustrie schwächelt. China drückt subventionierten Stahl und Stahlprodukte in die Weltmärkte und Donald Trump schottet den US-Markt ab. Wie kann die EU verhindern, dass ihre eigenen Unternehmen durch Klimaschutzregeln und den EU-Emissionshandel unter Druck geraten und Importe aus Ländern ohne CO2-Abgabe günstiger bleiben? 

Für diesen Zweck hat die EU den Grenzschutzausgleichmechanismus CBAM entwickelt. CBAM steht für „Carbon Border Adjustment Mechanism“, im Deutschen als „CO2-Grenzausgleichssystem“ oder, etwas salopper, als Klimazoll geläufig. Egal, welchen Begriff man wählt – dahinter steht die immer gleiche Idee: Importeure von außerhalb der EU sollen keinen Vorteil daraus ziehen können, dass in ihren Ländern laxere Klimaschutzauflagen gelten. Gleichzeitig möchte die EU verhindern, dass EU-Unternehmen ihre Produktion in Länder mit lockereren Umweltauflagen verlagern. Denn diese Praxis, auch Carbon Leakage genannt, würde die weltweiten Gesamtemissionen erhöhen und die Wertschöpfung in Deutschland und Europa schwächen. 

Kostennachteil: 50 Euro pro Tonne Stahl

Der CO2-Grenzausgleich ist daher ein Mittel, um faire Bedingungen für klimafreundliche Industrien in der EU zu schaffen und deren Dekarbonisierungsstrategie zu unterstützen. Denn bislang bestehen reale Kostennachteile von rund 50 Euro pro Tonne Stahl gegenüber Produzenten in Drittländern. Um dieses Ungleichgewicht möglichst schnell zu beenden, muss der CBAM konsequent umgesetzt werden.

Hinter CBAM steckt jedoch kein Protektionismus: Der CO2-Grenzausgleich ist nämlich kein klassischer Zoll, sondern berücksichtigt die Klimakosten bei der Produktion von Wirtschaftsgütern. Catherine Wolfram, Energiewirtschaftsprofessorin am MIT in Boston, hat darauf hingewiesen, dass CBAM – im Unterschied zu einem Zoll – Importe genau gleich behandelt wie einheimische Produkte. Wer seine Waren in der EU verkaufen möchte, muss künftig nachweisen, wie viel CO2 er bei der Herstellung jener Produkte – etwa Stahl, Zement, Aluminium oder Düngemittel – verursacht hat und dafür dann als Ausgleich EU-CBAM-Zertifikate kaufen. Deren Preise orientieren sich an jenen des europäischen Emissionshandels (EU-ETS), dem EU-Produzenten unterworfen sind. Beide Instrumente eint ein Gedanke: Wer klimafreundlicher produziert, zahlt weniger – und umgekehrt. 

Umsetzung vereinfachen

Der CBAM setzt nun ein Preissignal auch für importierte Produkte und damit Anreize für Hersteller, ihre Klimaschutzbemühungen zu erhöhen. Gunnar Groebler, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG: „Nur mit den richtigen Rahmenbedingungen sichern wir ein Level-Playing-Field für eine wettbewerbsfähige Zukunft der Industrie.“ 

Die Kritik indes, dass mit CBAM ein neues Bürokratieungetüm auf die Unternehmen zukomme, ist teilweise berechtigt: Mit verpflichtenden Standardwerten ließe sich der Aufwand verringern und die Umsetzung erleichtern, ohne das Ziel zu verwässern. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl hält die derzeitige Lösung für „halbgar“ und drängt beispielsweise darauf, weitere Produkte und Branchen wie die Stahlverarbeitung einzubeziehen, da sonst die Verlagerung ganzer Wertschöpfungsketten drohe. Zudem sollten Umgehungstatbestände – etwa die Verschiebung von CO2-armen Produkten in den EU-Markt ohne tatsächliche Klimaschutzbemühungen – verhindert werden.

Grüner Stahl braucht Schutz

Wenn Stahlunternehmen wie die Salzgitter AG also für die Transformation in milliardenschwere Vorleistung gehen, brauchen sie auf diesem Weg politischen Begleitschutz. Denn damit grüner Stahl wettbewerbsfähig wird, ist nicht nur innovative Technologie, sondern auch ein Preissignal für CO2 notwendig. Dies wirkt aber nur, wenn Importe es auch tragen müssen. So kann CBAM dazu beitragen, Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Klimaschutz in der EU zu sichern.

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