Das Magazin der Salzgitter AG
Interview

Aufbruch zum Zukunfts­standort Niedersachsen

03. März 2026 | Lesedauer: 11 Minuten

Warum Benedikt Hüppe, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN), von der Wandlungsfähigkeit und nachhaltigen Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Niedersachsen überzeugt ist. Und was er von der Politik fordert.

Herr Hüppe, Niedersachsen befindet sich mitten in der größten industriellen Transformation seit Jahrzehnten: Stahl, Chemie, Automobil – viele traditionelle Branchen mit wichtigen Standorten in der Region stehen unter großem Konkurrenz- und Veränderungsdruck. Machen Sie sich Sorgen um die Wirtschaftskraft des Standorts?

Bange machen gilt nicht, wir kommen aus einer Position der Stärke. Aber wir schauen mit einer gehörigen Portion Skepsis auf die Situation. Gerade energieintensive Schlüsselindustrien wie die Stahl- oder die Chemiebrache sind zuletzt unter Druck geraten.

Wie zukunftsfähig ist der Standort Niedersachsen in Ihren Augen?

Mit Blick auf die Basis – geologische Voraussetzungen, unternehmerisches Selbstbewusstsein, Veränderungsfähigkeit – würde ich locker eine Zwei plus vergeben.

Was stimmt Sie so positiv?

Historisch betrachtet etwa, dass wir die Wende vom klassischen Agrar- zum veritablen Industriestandort geschafft haben. Natürlich bauen wir auf unseren großen landwirtschaftlichen Flächen immer noch Getreide an – aber mittlerweile ernten wir dort, um im Bild zu bleiben, eben auch Windkraft.

Darüber hinaus haben wir einen überdurchschnittlich starken industriellen Kern mit rund 30 Prozent Bruttowertschöpfung und zukunftsfähigen Industrien, funktionierende kritische Infrastruktur inklusive. Auch die Rüstung gehört mittlerweile wieder dazu. Hier entwickelt sich derzeit ein regelrechtes Cluster, das wir als UVN mit der Landesregierung initiiert haben. Dazu gehören mehr als 300 Unternehmen, darunter die Salzgitter AG. 

Das zeigt: Unsere Industrie ist in der Lage, sich immer wieder zu transformieren und sich zu häuten. Ein weiteres gutes Beispiel ist das Transformationsprogramm SALCOS®, mit dem die Salzgitter AG einen vorbildlichen Beitrag zum Klimaschutz und dem Abbau von Emissionen leistet. Sie sehen: Unternehmen in Niedersachsen haben einen klaren Zukunftsplan. Sie wollen hier bleiben, statt über Standortverlagerungen nachzudenken.

Und jenseits der Stahlindustrie?

Da sehe ich zum Beispiel die Chemieindustrie, die ähnliche Anstrengung unternommen hat. Oder die Automobilindustrie, die mit Wasserstofftechnologie und dem autonomen Fahren experimentiert oder an innovativer Batteriezellenfertigung arbeitet. Viele Unternehmen sind auf dem Weg. Sie brauchen aber wettbewerbsfähige, politische Rahmenbedingungen. Und wenn ich die betrachte, bin ich eher bei der Schulnote Vier.

Machen Sie es sich mit dem Ruf nach dem Staat nicht ein bisschen einfach?

Nein. Gerade Unternehmen wie die Salzgitter AG brauchen langfristige Verlässlichkeit angesichts ihrer enorm komplexen Investitionsentscheidungen. Bis riesige Anlagen wie Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen abgeschrieben sind, dauert es 30, 40 Jahre. Ohne verlässliche Leitplanken riskiert man wirtschaftliches Harakiri – für ein shareholder-getriebenes Unternehmen keine Option. Hier brauchen wir übrigens dringend die laute und klare Stimme der Landespolitik auch bei der EU.

Wo muss die Politik am dringendsten handeln?

Bei den Energiepreisen. Wenn wir dieses Thema nicht in den Griff bekommen, wird die Transformation in den genannten Branchen nicht gelingen. Dann werden andere Branchen nach vorne drängen. Aber ob diesen eine ähnlich hohe Wertschöpfung gelingt, mit vergleichbar guten Jobs, wage ich zu bezweifeln. 

Steuert die Landespolitik ausreichend dagegen?

Niedersachsen ist zumindest das einzige Bundesland mit einer einheitlichen Position in Sachen Industriestrompreis. Leider gibt es ihn trotz vieler Ankündigungen bis heute nicht und es ist zu befürchten, dass nur wenige davon profitieren werden. Offenbar ist die Bundespolitik hier überfordert. Ähnlich bei der Wasserstoffversorgung. Hier gibt es ebenso viele offene Fragen. Wann steht die Infrastruktur? Wer produziert den Wasserstoff ab wann? Wie kriegen wir das zu einem wettbewerbsfähigen Preis hin?

Wenn in Deutschland ein Land Wasserstoffland werden kann, dann Niedersachsen.

Benedikt Hüppe, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN)

Ministerpräsident Olaf Lies ist davon überzeugt: Niedersachsen kann Wasserstoffstandort Nummer eins werden. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Wenn in Deutschland ein Land Wasserstoffland werden kann, dann Niedersachsen. Wir haben das größte Potenzial – die Küste mit der passenden Infrastruktur für Importhäfen, große Kavernenspeicher und Industrien, die mit Wasserstoff umgehen können. Für solch zentrale infrastrukturelle Entscheidungen wie die künftige Ausgestaltung unserer Energieversorgung wünsche ich mir von der Politik einfach einen längerfristig planbaren Rahmen. Wir operieren hier schließlich am Kern unserer industriellen Wertschöpfung. Das ist, gelinde gesagt, grob fahrlässig, weil wir an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen.

Wo soll das Geld für die umfassende grüne Transformation unserer Infrastruktur herkommen?

Es gibt genug Investoren wie Versicherungsunternehmen, die nicht an kurzfristig höchstmöglichen, sondern an langfristig stabilen Renditen interessiert sind. Außerdem kann das Milliardenpaket des Staates für die Infrastruktur ein großer Hebel sein, um eine umfassende grüne Transformation anzustoßen. Natürlich sind CO2-arme Produkte oft erstmal teurer als herkömmlich erzeugte. Aber wenn etwa bei Ausschreibungen grüner Stahl priorisiert wird, könnten schnell Skaleneffekte greifen. Und es entwickelt sich ein zukunftsfähiger Markt, der nicht von Subventionen abhängt.

Was braucht es neben einer zukunftsfähigen Energieversorgung noch, um dorthin zu kommen?

Einen fairen Wettbewerb: Aus China drängen Überkapazitäten in den Markt, die teils zu Preisen auf dem Niveau der Gestehungskosten in Europa verkauft werden. Das funktioniert nicht. Mit wachsender Sorge sehe ich auch, dass sich große Partner wie die USA aus einem regelbasierten Wettbewerb verabschieden. Dass sie statt auf WTO-Regeln auf das Recht des Stärkeren setzen. Da muss Europa zusammenrücken und seine Marktmacht in die Waagschale werfen.

Wie denn?

Zum Beispiel über den Emissionshandel. Mit einem CO2-Preis, der auch eine prohibitive Wirkung entfalten kann. Wollen wir irgendwann klimaneutral sein, muss CO2 so teuer sein, dass sich die Vermeidung immer rechnet. Bis dahin müssen wir eine Brücke bauen, um die Transformationsphase bis zum Jahr 2050 sauber und sicher gestalten zu können. Damit First Mover nicht bestraft werden, sondern einen Marktvorteil haben.

Dass man als Vorreiter beim Einsatz innovativer Technologien wirtschaftlich auf die Nase fallen kann, haben wir schon bei der Solarenergie erlebt…

Richtig – Technologie-Know-how und Wertschöpfung sind in dem Bereich längst aus Deutschland abgewandert. Deshalb sollte uns das bei der Windenergie – noch sind wir in Niedersachsen Standort Nummer eins – oder beim Wasserstoff nicht noch mal passieren.

Wie wollen Sie das verhindern?

Indem die Windkraftanlagen nicht nur bei uns aufgestellt, sondern auch in Niedersachsen entwickelt, gebaut und recycelt werden. Der gesamte Lebenszyklus dieser Energiegewinnung muss bei uns stattfinden – statt dass wir Anlagen aus Drittländern importieren, die wir vielleicht sogar subventionieren. Deswegen ist es mir so wichtig, dass wir in Europa, Deutschland und in Niedersachsen geschlossene Wertschöpfungsketten aufbauen und erhalten. Nur so steigern wir Produktivität und Wertschöpfung. Da laufen wir noch zu sehr nebeneinanderher.

Was tun Sie als UVN dagegen?

Wir sind mit der Landesregierung Niedersachsen dabei, uns für die nächste Fördermittelperiode 2027 in Brüssel als Standort Niedersachsen besser aufzustellen. Damit mehr Mittel aus Brüssel nach Niedersachsen fließen. Aber wir müssen auch bei der Verteilung dieser Mittel viel besser werden.

Wo hakt’s derzeit?

Wir haben mittlerweile in Niedersachsen mehr als 2.000 Förderrichtlinien, ein Wust, durch den sich Unternehmen durchkämpfen müssen. Wir brauchen weniger, dafür breitere und größere Förderrichtlinien. Wir dürfen das Geld nicht mit der Gießkanne verteilen, sondern müssen in thematischen Clustern denken und in zukunftsträchtige Ökosysteme investieren, mit denen Niedersachsen weltweit in Verbindung gebracht wird. Ob Mobilität, Wasserstoff, Rüstung, Gesundheit oder Landwirtschaft: Bange machen gilt nicht.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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