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Deutschlands Souveränität stählen

03. März 2026 | Lesedauer: 10 Minuten

Unsere Zukunft als Industrieland entscheidet sich jetzt. Ein Weckruf von Gunnar Groebler, CEO der Salzgitter AG.

So viel Schnee war nie – oder zumindest schon lange nicht mehr. Nun kommt mit dem Frühling nach und nach ans Licht, was unter der Schneedecke verborgen lag: Risse und Schlaglöcher in Straßen und Gehwegen. Der heftige Winter hat unserer vielerorts ohnehin maroden Infrastruktur weiter zugesetzt. Bekannt sind die Schäden schon lange und wir wissen, dass es Reformen braucht, echtes Handeln, mutige und konsequente Entscheidungen, um unsere Infrastruktur zu modernisieren und die Konjunktur wieder zu beleben. Ankündigungen gab es. Auch einen Optimismus, dass das neue Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ schnell mehr Dynamik in die verschiedenen Branchen bringt. Doch nach mehr als einem Jahr seit dem Inkrafttreten macht der nasskalte Winter deutlich; viel Dynamik ist nicht. Die Kluft zwischen wirtschaftlicher Realität und politischem Anspruch wird größer. Wochenlange Schneeperioden haben die Situation nicht verbessert. 

Dabei ist die Lage der Stahlindustrie ohnehin schon herausfordernd: Während wir in klimafreundliche Produktionsverfahren investieren, kämpfen wir mit Überkapazitäten auf dem Stahlmarkt, mit Strafzöllen und geopolitisch gesteuerter Industriepolitik, sowie mit hohen Energiekosten. Die Nachfrage nach Stahl ist eingebrochen, unsere großen Kundensegmente, unter anderem die Automobilbranche, schwächeln. 

Mehr Resilienz in einer unsicheren Welt

Aber nicht nur mit unmittelbarem Blick auf die eigene Branche stehen wir hinter dem Infrastrukturpaket: Wir sind darüber hinaus davon überzeugt, dass sich Deutschlands Wirtschaft grundsätzlich resilienter aufstellen muss. Schließlich weht in unserer Welt ein zunehmend rauer Wind. Wir müssen uns gegen die geopolitischen Spannungen wappnen, die nicht nur Bundeskanzler Friedrich Merz einen „Epochenbruch“ nennt. 

Dafür brauchen wir eine funktionierende Infrastruktur. Dafür brauchen wir eine starke Industrie. Dafür brauchen wir Stahl. Ohne Stahl lässt sich das Infrastrukturpaket nicht schnüren. Wir brauchen ihn für Gebäude, für die Verkehrs- und Energieinfrastruktur, und als zentralen Werkstoff für die Rüstungsindustrie zunehmend auch für unsere eigene Verteidigungsfähigkeit.

Stahl für Deutschlands Wohlstand unverzichtbar

Eine moderne Welt und der gesellschaftliche Wohlstand, wie wir ihn heute kennen, ist ohne Stahl nicht denkbar. Wir sind für viele Branchen erfolgskritisch. Zwei Drittel der deutschen Exporte sind stahlintensiv, und die Hälfte des Produktionswertes im industriellen Mittelstand hängt direkt vom Stahl ab. Etwa vier Millionen Menschen arbeiten hierzulande in stahlintensiven Bereichen, rund 80.000 direkt in der Stahlindustrie. Stahl steht am Anfang nahezu aller Wertschöpfungsketten – und gibt der Industrie Gewicht.

Deshalb darf es uns auch nicht egal sein, woher der Stahl kommt, den wir für diese herausfordernden Aufgaben brauchen. Ohne heimische Produktion geben wir ein weiteres wichtiges Stück unserer Souveränität ab. Wir Stahlhersteller sorgen dafür, dass das industrielle Fundament dieses Landes trägt. Dass unseren Schlüsselindustrien dieser fundamental wichtige Konstruktionswerkstoff zuverlässig zur Verfügung steht. In einer instabilen Welt geben wir der Sicherheit Gewicht. 

Stahl ist systemrelevant

Die Politik hat erkannt, dass die Stahlindustrie systemrelevant ist. Sie weiß, dass die wirtschaftliche Lage des Stahls dramatisch ist. Und sie hat reagiert: Auf europäischer Ebene mit dem CO2-Grenzausgleich CBAM. Mit einem weitreichenden Vorschlag der EU-Kommission für den Außenhandelsschutz. Mit einem bald erwarteten Vergabebeschleunigungsgesetz, das der Bundesregierung die Ermächtigungsgrundlage gibt, verpflichtende Anforderungen für klimafreundliche Produkte bei öffentlichen Aufträgen festzulegen. Ein großer Schritt in Richtung Leitmärkte und damit auch der Skalierung von grünen Produkten. 

Der Industriestrompreis ist leider noch so gestaltet, dass die energieintensive Industrie ihn nicht pragmatisch nutzen kann; in seiner aktuellen Auslegung und bei einer maximal dreijährigen Laufzeit bringt er der Stahlindustrie nicht die notwendige Entlastung. Die Debatte rund um das EU-Emissionshandelssystem (ETS) wird uns in diesem Jahr weiter begleiten, da die umfassende Überprüfung des ETS im Sommer 2026 ansteht. Dieser Review definiert, wie der ETS ab 2030 ausgestaltet sein soll.

Wir sehen, dass der Wille da ist. Die Politik will die Stahlindustrie unterstützen. Aber wir wissen auch, dass dieses Versprechen jederzeit von haushaltspolitischen Spielräumen ausgebremst werden kann. 

Handlungsfähigkeit ausbauen

Deshalb können wir uns auf dem Erreichten nicht ausruhen. Wir müssen uns eine strategische Flexibilität erarbeiten, um unsere Handlungsfähigkeit zu stärken. Denn der Standort Deutschland braucht die Stahlerzeugung und -verarbeitung: Wir versorgen ganze Prozessketten der Industrie – mit einem durchdachten Rohstoffmanagement, mit effizienter Produktion und verantwortungsvollem Recycling. Wir investieren in die grüne Zukunft Europas. Weil wir davon überzeugt sind, dass die Transformation ökologisch notwendig und ökonomisch vernünftig ist. Gleichwohl müssen jetzt wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit die Industrie diese vulnerable Phase des Umbaus hin zur Klimaneutralität überlebt. Und damit die 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität gut angelegte Investitionen sind.

Abseits aller Regulatorik und politischen Ausgestaltung ist uns mehr als bewusst; wir haben Hausaufgaben vor uns. Mit unserem Ergebnisverbesserungsprogramm stellen wir uns performant auf. Durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz heben wir Potenzial, um Kosten zu senken, Prozesse zu vereinfachen – insgesamt profitabler zu werden. Wir wollen die Kraft aufbringen, damit wir Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Europa und Deutschland halten

Know-how und Erfahrung allein reichen nicht

Wenn wir uns eine strategische Flexibilität erarbeiten wollen, können wir uns nicht auf Erfahrung und bewährtem Know-how ausruhen. Wir brauchen ein ganzes Set an Eigenschaften, um unsere Transformation als Voraussetzung für dauerhafte Resilienz, Wettbewerbs- und damit Zukunftsfähigkeit voranzutreiben. Und dabei mit gutem Beispiel für unsere Branche und den Standort Deutschland voranzugehen:

Fokus und Vernunft: Wir konzentrieren uns auf das, was uns stark macht, und nutzen Wachstumschancen klug.
Mut und Tempo: Wir treffen Entscheidungen und setzen sie konsequent um.
Ausdauer und Einsatz: Wenn wir von einem Ziel überzeugt sind, bleiben wir dran.

Denn wir haben klare Ziele vor Augen: Vorsprung, Profitabilität und Wettbewerbsfähigkeit. Als unverzichtbare Grundlage für einen resilienten, souveränen und damit wettbewerbsfähigen Standort Deutschland. Unsere Zukunft als Industrieland entscheidet sich jetzt. Deutschland braucht mutige, konsequente Entscheidungen, um die Konjunktur zu beleben und den Investitionsstau zu lösen. Das Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ gibt Anlass zur Hoffnung.

Daher möchte ich den Frühling mit dem Gedanken einläuten, dass 2026 das Jahr sein kann, in welchem wir beweisen, dass Klimaneutralität und industrielle Stärke zusammen möglich sind.

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