Prinzip Baukasten

03. März 2026 | Lesedauer: 14 Minuten
Schneiden, walzen, schweißen: Mit einem modularen System und einer neuen, konzernübergreifenden Vertriebsorganisation erweitert die Salzgitter AG ihr Defence-Geschäft.
Die zweieinhalb Meter langen Halbschalen wiegen jeweils eine Tonne, die dazugehörige Seitenwand 5,5 Tonnen: Grundiert und mit graumattem Schutzlack versehen, warten die Ungetüme aus einer Kombination aus Sicherheitsstahl und hochfestem Feinkorn-Baustahl in einer Lagerhalle auf dem Werksgelände des mittelständischen Stahlbauers Thyrolf & Uhle in Dessau darauf, abgeholt und zu einem mobilen Schutzraum montiert zu werden. Was aussieht wie Komponenten aus einem überdimensionierten Baukasten, zeigt nicht weniger als den Start in ein neues Kapitel der Salzgitter AG: „Durch die Übernahme von Thyrolf & Uhle bauen wir unsere Rüstungskompetenz aus und verlängern unsere Wertschöpfungskette auf diesem Gebiet. Damit investieren wir in die Sicherheit unseres Landes und sichern gleichzeitig Wertschöpfung in Dessau“, sagt Ulrich Zieß.

Der Prokurist der Universal Eisen und Stahl, einer Tochtergesellschaft der Salzgitter AG, war über Monate maßgeblich daran beteiligt, die Übernahme des Mittelständlers aus Dessau in Sachsen-Anhalt vorzubereiten und umzusetzen. Das bereits 1859 gegründete Unternehmen ging nach Jahrzehnten wechselvoller Geschichte 1995 über einen Management Buyout aus dem ehemaligen DDR-Kombinat Zementanlagenbau (ZAB) hervor. Seitdem ist der Betrieb mit aktuell 100 Mitarbeitenden spezialisiert auf Stahlbau, Komponentenbau und Blechverarbeitung. Dazu gehört wesentlich auch die Produktion und Bearbeitung von Feinkorn-Baustählen, die wegen ihrer hohen Festigkeit und Zähigkeit bei gleichzeitig geringem Gewicht etwa im Kranbau sehr gefragt sind – aber auch beim Bau militärischer Fahrzeuge.

Bereits kurz nach ihrem Neustart in die Marktwirtschaft entschieden sich die beiden Gründer von Thyrolf & Uhle für eine Partnerschaft mit der Salzgitter AG. 2018 kam vom Konzern der erste Anstoß für den Einstieg ins Rüstungsgeschäft, in dem der Mittelständler seit 2020 tätig ist. Heute verarbeitet Thyrolf & Uhle unter anderem Sicherheitsstähle der Güten SECURE® 400, 450, 500 und 600 und ist einer der Hersteller von Stahlkomponenten und Baugruppen für den Infrastrukturschutz sowie den zivilen und militärischen Fahrzeugbau.
„Diese Akquisition ist ein weiterer Schritt unseres aktiven Portfoliomanagements mit gezielten Zukäufen in Wachstumsmärkten. Deutschland und Europa benötigen eine leistungsfähige Verteidigungsindustrie mit einer qualifizierten Werkstoffbasis, um sich in den geopolitischen Verwerfungen zu behaupten“, sagt Gunnar Groebler, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG. „Genau hier stärken wir als Salzgitter AG unser Angebot.“
Salzgitter AG Defence: alle Rüstungsaktivitäten unter einem Dach gebündelt

Der Grund für das interne Umdenken bei der Salzgitter AG, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dem Rüstungsgeschäft weitgehend ferngeblieben war, lag im Ausbruch des Ukrainekriegs im Februar 2022 und der damit verbundenen „Zeitenwende“. Das Unternehmen wollte die Verantwortung wahrnehmen, die mit seiner industriellen Kompetenz einhergeht.
„Es geht um die Wehrhaftigkeit Deutschlands, um die Verteidigung unserer demokratischen Werte“, fasst Thorsten Möllmann, Leiter Konzernkommunikation und Defence-Spezialist der Salzgitter AG, die politischen Herausforderungen zusammen, die damals wie heute gelten. „Wir haben als deutsches Stahlunternehmen, als Grundstoffindustrie, angesichts dieser veränderten politischen Weltlage den Auftrag, unseren Beitrag zu leisten.“
Wir haben den Auftrag, unseren Beitrag zu leisten.
Thorsten Möllmann, Begründer der Taskforce Defence und Leiter Konzernkommunikation der Salzgitter AG
Zertifizierter Sicherheitsstahl für die Bundeswehr
Da traf es sich gut, dass die Tochtergesellschaft Ilsenburger Grobblech 2021 die Marke SECURE von Konkurrent ThyssenKrupp übernommen hatte. Ursprünglich gedacht für den Ausbau des zivilen Portfolios der Salzgitter AG – etwa den Bau von Tresoren, die Panzerung von Geldtransportern oder privaten Limousinen –, eignen sich diese leichten und gleichzeitig hochfesten Stähle grundsätzlich auch für den Bau von Panzern. Daher leitete die Konzernführung damals umgehend den ersten Zertifizierungsprozess bei der Bundeswehr ein, der im Juli 2025 erfolgreich abgeschlossen wurde und dem weitere folgten. Als dann die weitere Zuspitzung der geopolitischen Situation im Verlauf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 eine Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit nahelegte, nahm zudem eine eigene Taskforce Defence um Kommunikationschef Möllmann ein neues Ziel ins Visier: den Einstieg der Salzgitter AG ins Verteidigungsgeschäft.
Aus der provisorischen Taskforce ist inzwischen eine konzernübergreifende Einheit unter der Konzernmarke Salzgitter AG Defence geworden. Sie bündelt die konzernweiten Kompetenzen für die Übernahme militärischer Projekte unter einem Dach:
- Die Tochtergesellschaft Ilsenburger Grobblech verantwortet die Materialentwicklung und liefert den von der Bundeswehr zertifizierten Sicherheitsstahl.
- Die Mannesmann Rohrgesellschaften produzieren Rohre unter anderem für logistische Aufgaben, etwa zur Sicherung der Kerosinversorgung der NATO-Ostflanke.
- Die Flachstahl-Tochtergesellschaft stellt dünnere Bleche her, die beispielsweise für die leichte Panzerung von PKWs genutzt werden.
- Das Handelsunternehmen Universal garantiert die Weiterverarbeitung von Blechen für den Bau gesamter Systemkomponenten.
- Das neu erworbene Unternehmen Thyrolf & Uhle bringt seine Kompetenzen im Stahl- und Komponentenbau ein, vor allem mit Blick auf die Produktion und Bearbeitung von Sicherheits- und Feinkorn-Baustählen.
Selbst wenn auch künftig keine kompletten Militärfahrzeuge aus den Salzgitter-Werken rollen werden: „Ob Sicherheitsstahl, Feinkorn-Baustahl oder ganze Baugruppen, beispielsweise für Brückenlegesysteme, ob Schneiden, Walzen oder Schweißen – über eine Art Baukasten werden wir zum modularen Komplettanbieter für militärische Lösungen“, sagt Salzgitter-Verteidigungsexperte Möllmann. „Wir haben als One-Stop-Shop für unsere Kundschaft alle relevanten Werkstoffe und Kompetenzen für die Sicherheits- und Rüstungsindustrie an Bord.“
SECURE-Stahl: leicht, widerstandsfähig, bundeswehrtauglich
SECURE-Stähle kombinieren hohe Festigkeit, definierte Energieaufnahme und sind TL-zertifiziert, erfüllen also die technischen Lieferbedingungen der Bundeswehr. Präzise Legierungskonzepte, klar definierte thermomechanische Prozesse und datenbasierte Qualitätskontrolle optimieren ihr Verhältnis von Sicherheit zu Gewicht. Diese Kombination prädestiniert SECURE-Stähle für sicherheitsrelevante Anwendungen im Fahrzeugbau, in kritischen Infrastrukturen und für Schutzsysteme.
Einheitliches Branding als Salzgitter AG Defence

Zu diesem Selbstverständnis gehört auch der Aufbau einer passenden Marke: Salzgitter AG Defence. Erstmals erlebbar wurde der einheitliche Auftritt auf der Sicherheitsmesse EnforceTec im Februar 2026 im Rahmen des BDSV-Verbund-Stands. Weitere Auftritte werden folgen: auf der EuroSatory in Paris, der MSPO im polnischen Kielce, einer der bedeutendsten Rüstungsmessen in Mittel- und Osteuropa, auf dem NATO Industry Day in Ingolstadt sowie der IDEX in Abu Dhabi, einer der weltweit führenden Messen für Verteidigungs- und Sicherheitstechnik.
Neben dem Kundengespräch steht dabei auch das Gespräch mit potenziellen neuen Mitarbeitenden im Fokus. Denn mit dem Geschäft soll auch die Belegschaft wachsen – gesucht werden vor allem Schweißer, Dreher und Kaufleute.
„Dank unseres attraktiven Angebots auf diesem Feld haben wir eine große Chance auf Wachstum“, sagt Defence-Experte Zieß. „Und die werden wir nutzen.“
Thyrolf & Uhle: Historischer Standort mit wechselvoller Geschichte
Der Standort des Mittelständlers Thyrolf & Uhle in Dessau gehört zu den historischen Zentren des deutschen Stahlbaus. Bereits 1859 begann Gottfried Polysius hier mit der Verarbeitung von Blechen und Metallen. Bis 1900 entwickelte sich die Werkstatt zu einer der wichtigsten Eisengießereien und Metallbau-Firmen Deutschlands. Große Bedeutung erlangte Polysius vor allem durch die Konstruktion des ersten Zement-Drehrohrofens Europas sowie die Entwicklung eines hocheffizienten Verfahrens zur Zementherstellung.
Nach der Enteignung des global tätigen Familienunternehmens Polysius durch die sowjetischen Besatzungsbehörden 1946 und der Eingliederung in die Sowjetische Staatliche Aktiengesellschaft (SAG) firmiert der Anlagenbauer ab 1957 unter VEB Zementanlagenbau Dessau. Das Kombinat war auf den Bau und Export von Zementwerken nach Osteuropa, Mittel- und Südamerika spezialisiert. Aus dem ZAB ging 1995 schließlich Thyrolf & Uhle hervor, gegründet von den beiden langjährigen Kombinatsmitarbeitern Günter Thyrolf und Siegfried Uhle. Ihr Ziel: Dessau als gesamtdeutschen Standort für kompromisslose Qualität in Stahlbau und Blechbearbeitung zu etablieren.
Auch Luftfahrtpionier Hugo Junkers hinterließ auf dem heutigen, rund 37.000 Quadratmeter großen Betriebsgelände von Thyrolf & Uhle seine Spuren: Hier legte Junkers den Grundstein für den modernen Ganzmetallflugzeugbau. Nachdem die Nationalsozialisten den Pazifisten Junkers enteignet hatten, machten sie den Standort zu einem Hauptzentrum der staatlichen Luftrüstung. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden wesentliche Teile des Unternehmens demontiert.
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