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Interview

„Innovation entsteht nicht im Konferenzraum“

Porträtfoto von Benedikt Ritterbach, Geschäftsführer der Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH (SZMF). Er trägt eine Brille, ein weißes Hemd und ein dunkles Sakko und blickt freundlich in die Kamera. Im Hintergrund sind Pflanzen und ein helles Interieur zu erkennen.

08. Juli 2026 | Lesedauer: 7 Minuten

Wie Benedikt Ritterbach, Geschäftsführer der Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH (SZMF), die Salzgitter-Forschung auf die Transformation zur CO₂-armen Stahlproduktion ausrichtet.

Herr Ritterbach, die Salzgitter AG befindet sich mitten in der Transformation zur CO₂-armen Stahlproduktion. Welche strategische Rolle spielt dabei die Forschung?

Eine zentrale Aufgabe ist das werkstofftechnische Risikomanagement dieser Transformation. Mit der neuen Produktionsroute verändern sich Parameter im Herstellungsprozess. Wir müssen die Prozesse so auslegen, dass Qualität, Lieferfähigkeit und Kostenwettbewerbsfähigkeit auch unter den neuen Bedingungen gesichert bleiben. Für unsere Kunden muss dieser Wandel verlässlich und möglichst reibungslos funktionieren.

Ein breites Entwicklungsspektrum: Wie entscheiden Sie, welche Themen die höchste Priorität haben?

Der größte Teil unserer Arbeit entfällt auf konkrete markt- und kundengetriebene Anforderungen. Dort liegt unser Fokus. Wir betreiben anwendungsnahe Industrie-FuE. Das heißt: Wir entwickeln Lösungen für konkrete Anforderungen des Marktes, etwa aus der Automobilindustrie. Gleichzeitig halten wir bewusst Freiräume für eigene Ideen offen. Beide Wege sind wichtig, müssen sich am Ende jedoch an ihrer Wertschöpfung messen lassen.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob eine Idee weiterverfolgt oder gestoppt wird?

Wir haben einen mehrstufigen Prozess – und jede Idee muss sich auf jeder Stufe neu beweisen. Neue Ideen werden zunächst auf Tragfähigkeit geprüft und anschließend validiert: Welche Themen verfolgen wir weiter, welche setzen wir um, welche stoppen wir?

Wir bewerten dabei nach Kriterien wie Kundennutzen, Zeit bis zur Marktreife und natürlich wirtschaftlichem Erfolg. Dafür haben wir mit kleinen, agilen sogenannten Venture-Teams eine Arbeitsweise etabliert, mit der wir risikoreichere Vorentwicklungsprojekte strukturiert prüfen. Diese Teams hinterfragen den „Business Case“ von Grund auf: Gibt es einen Markt und konkrete Kundenanforderungen? Ist das Vorhaben technologisch machbar und ökonomisch skalierbar? Was kosten Umstellung und Produkteinführung? Wie ist die Wirtschaftlichkeit? Welche Vorteile hat die Idee? Welchen Beitrag leistet sie zur Konzernstrategie? Gibt es Risiken und K.O.-Kriterien? 

Wann ziehen Sie den Stecker?

Wenn eine Idee diesen Realitätscheck nicht besteht, stoppen wir sie. Nur was sich als technisch machbar, ökonomisch sinnvoll und strategisch richtig erweist, bekommt grünes Licht für die nächsten Schritte, bis schließlich die operative Einheit das entwickelte Konzept übernimmt, industrialisiert und in den Markt einführt. Ganz wichtig ist dabei die möglichst frühe Einbindung der betreffenden operativen Einheit, um Elfenbeinturm-Forschung zu vermeiden.

Die Salzgitter AG ist in einem breiten Netzwerk aus Universitäten und Instituten aktiv. Welche strategische Rolle spielen diese Partnerschaften über die Lösung von Entwicklungsfragen hinaus?

Unsere Netzwerke erfüllen drei zentrale Funktionen: Erstens verschaffen sie uns Zugang zur Grundlagenforschung. Hochschulen und Forschungseinrichtungen liefern uns Impulse und Methodenkompetenz, die wir intern gezielt in die Anwendung und den Markt überführen. Zweitens helfen sie uns, unsere Methoden und Kompetenzen gezielt weiterzuentwickeln. Ein gutes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der TU Wien, die für uns eines der weltweit führenden Werkstoffsimulationsprogramme weiterentwickelt und uns mit ihren Modellen hilft, unsere eigenen Prozesse zu optimieren.

Und drittens?

Drittens, und das ist nicht zu unterschätzen, sind Hochschulen unsere wichtigste Quelle für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Wir brauchen die besten Köpfe, und die finden wir auch dort.

Innovation erfordert Kreativität. Wie schaffen Sie den dafür nötigen Raum?

Kreativität entsteht nicht auf Anweisung und nur selten im Konferenzraum. Deshalb schaffen wir gezielt andere Rahmenbedingungen. An beiden Standorten der SZMF haben wir sogenannte Innovationstutoren mit einem ganzen Set an für uns passenden Kreativitätsmethoden ausgebildet. Außerdem haben wir bewusst Räume mit kreativitätsfördernder Einrichtung geschaffen, die sich deutlich von der üblichen Arbeitsumgebung unterscheiden. Solche Methoden und Perspektivwechsel helfen dabei, Denkgewohnheiten zu durchbrechen und neue Ideen zu entwickeln. Das allein reicht aber noch nicht. Auch kreative Freiheit braucht Struktur. Deshalb arbeiten wir projektbezogen und sehr systematisch, beispielsweise in den bereits genannten Venture-Projekten. So schaffen wir Raum für neue Ansätze und sorgen zugleich dafür, dass nur Ideen mit echtem Potenzial in die weitere Entwicklung gelangen.

Transformation, Forschung und Entwicklung – das alles kostet viel Geld, gleichzeitig sinken die Stahlpreise auf dem Weltmarkt. Was kann die SZMF in diesem Spannungsfeld bewirken?

Die ökonomische Realität ist tatsächlich hart: Ein Kilo hochwertigen, feuerverzinkten Stahls, dessen Herstellung viele Wochen dauert, kostet oft weniger als ein halber Liter Mineralwasser. Diesem globalen Preisdruck können wir uns nicht entziehen. Aber wir können dafür sorgen, dass wir uns am Markt nicht allein über den Preis differenzieren. Wir punkten mit unserer Kundennähe, mit tiefem Verständnis für deren Anforderungen und Prozesse. Aber auch mit der Fähigkeit, hochspezialisierte Stahlsorten für Nischenmärkte zu entwickeln, die für größere Wettbewerber weniger interessant sind. Lösungen, die zwar technisch brillant, aber in den Augen unserer Kunden preislich nicht attraktiv sind, helfen niemandem. Unser Ziel ist es, durch intelligente, markt- und kundenorientierte Entwicklung den entscheidenden Mehrwert zu schaffen, der über den reinen Preis pro Tonne hinausgeht.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Dr.-Ing. Benedikt Ritterbach studierte Metallurgie und Werkstofftechnik an der RWTH Aachen und startete 1992 seine berufliche Laufbahn im Kaltwalzwerk der heutigen Salzgitter Flachstahl GmbH. Nach Stationen als Betriebsingenieur und Betriebsleiter übernahm er 2002 als Betriebsdirektor die Verantwortung für das gesamte Kaltwalzwerk und die Oberflächenveredelung. Seit 2009 ist Ritterbach Geschäftsführer der Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH und verantwortet die Leitung Forschung und Entwicklung der Salzgitter AG. 

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