Komplexer Stahl für eine stabile Knautschzone

03. März 2026 | Lesedauer: 7 Minuten
Die Salzgitter AG liefert mit einer neuen Sorte Komplexphasenstahl die Basis für eine sichere und nachhaltige Fahrzeugentwicklung.
545.142 – so viele Elektroautos sind 2025 auf Deutschlands Straßen gekommen. Mehr als jemals zuvor innerhalb eines Jahres seit Beginn der Statistik des Kraftfahrtbundesamtes (KBA). E-Fahrzeuge werden immer beliebter. Sie stellen die Hersteller aber auch vor neue Herausforderungen. Denn bei einem Unfall muss die Karosserie eines E-Autos nicht nur die Insassen schützen, sondern auch die Batterie zuverlässig sichern und Brände verhindern. Für viele Bauteile gelten deshalb inzwischen deutlich strengere Maßstäbe: So verlangen aktuelle Normen des Verbands der Automobilindustrie (VDA) etwa eine höhere Crashsicherheit und verbesserten Brandschutz.
Elektroautos sind 2025 auf
Deutschlands Straßen gekommen

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, setzt die Industrie auf innovative Werkstoffe: Komplexphasenstahl ist dabei ein Baustein zur Optimierung der Crashperformance, einschließlich des Leichtbaupotenzials. Obwohl die sogenannten CP-Stähle seit den 2000er-Jahren für konventionelle Verbraucherfahrzeuge entwickelt wurden, entfalten sie nun unter anderem in der E-Mobilität ihr volles Potenzial: Das höhere Gewicht der E-Autos verstärkt den Bedarf an energieabsorbierenden Strukturen wie Schwellern und B-Säulen. Im Gegensatz zu anderen Stahlsorten ist Komplexphasenstahl äußerst stabil, aber dennoch gut und kontrolliert umformbar. Er eignet sich damit ideal für Bauteile, die im Ernstfall Leben retten – von der Knautschzone über die Fahrgastzelle bis zum Batteriegehäuse. Hersteller können mit Komplexphasenstahl Strukturen schaffen, die gezielt Energie aufnehmen und sich an unterschiedlichste Anforderungen anpassen.
„Diese Stahlsorte war in der europäischen Automobilindustrie lange ein Nischenprodukt und wurde stärker im asiatischen Raum eingesetzt, da man in Europa mit bewährten Mitteln ähnliche Ergebnisse erzielt hat. Die steigenden Vorgaben – gerade in der E-Mobilität – machen Komplexphasenstahl aber zum immer gefragteren Werkstoff bei sicherheitsrelevanten Teilen“, sagt Frank Klose, Leiter Technische Kundenberatung bei der Salzgitter Flachstahl GmbH.
Neue Stahlsorte im Portfolio
Speziell für die Anforderungen der Autobauer hat der Konzern sein Angebot an Komplexphasenstählen um eine weitere Festigkeitsstufe erweitert „Jeder Stahlhersteller steht vor der Herausforderung, sein Portfolio auch optimal auf die eigenen Produktionsanlagen abzustimmen“, sagt Klose. „Wir haben unser Angebot gezielt erweitert – und können unsere Kundinnen und Kunden aus dem Automobilbereich jetzt noch besser bedienen.“
Für die Entwicklung der neuen Stahlsorte kooperiert die Salzgitter AG eng mit den Automobilherstellern. „In der gemeinsamen Standardisierungsarbeit haben wir die Eigenschaften des Stahls definiert. In unseren Forschungslaboren haben wir dann verschiedene Legierungen und Prozessvarianten getestet und angepasst, bis wir das für die Produkteigenschaften und unsere Produktionsprozesse ideale Ergebnis hatten“, sagt Klose. Herausgekommen ist ein Stahl, der die Erwartungen der Branche erfüllt und bei der Lochaufweitung neue Maßstäbe setzt.
Offensichtlicher Unterschied: die Lochaufweitung von Dual- und Komplexphasenstahl im Vergleich.
Stanzen ohne Risse
Der Wert der Lochweitung beschreibt, wie stark sich ein gestanztes Loch im Blech während der Umformung vergrößern lässt, ohne dass an der Lochkante Risse entstehen. Für Automobilhersteller ein wichtiges Kriterium. Denn viele sicherheitsrelevante Bauteile – etwa Knautschzonen, Seitenaufprallträger oder Batteriegehäuse – benötigen Aussparungen, Durchbrüche oder Befestigungspunkte, die im Fertigungsprozess stark beansprucht werden. Eine hohe Aufweitung sorgt dafür, dass diese Bauteile auch nach Umformprozessen stabil bleiben und im Falle eines Crashs zuverlässig Energie aufnehmen. „So lassen sich anspruchsvolle Geometrien und Befestigungslösungen realisieren, ohne Kompromisse bei der Sicherheit einzugehen“, sagt Timo Geddert, Produktmanager bei Salzgitter Flachstahl. Für hochfeste Stähle im Automobilbau liegen die Vorgaben bei der Lochaufweitung meist zwischen 30 und 60 Prozent, die Salzgitter AG erreicht mit der neuen Stahlsorte rund 70 Prozent.

Material sparen und Ressourcen schonen
Auch in Sachen Nachhaltigkeit überzeugt der neue Komplexphasenstahl der Salzgitter AG. „Dank seiner hohen Festigkeit lassen sich dünnere Blechdicken realisieren – ohne Einbußen bei der Bauteilperformance. Das senkt das Bauteilgewicht im Schnitt um rund sieben Prozent und reduziert den Materialeinsatz pro Fahrzeug“, erklärt Geddert. „Wir unterstützen unsere Kundinnen und Kunden dabei, moderne Sicherheits- und Leichtbaukonzepte effizient umzusetzen. Mit unserer neuen Stahlsorte gestalten wir den Wandel in der Fahrzeugentwicklung aktiv mit.“
Klose lüftet abschließend bereits ein kleines Geheimnis: „Schon bald werden wir unseren Kunden die nächste Festigkeitsklasse CP1200 anbieten können.“
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Salzgitter Flachstahl GmbH
Salzgitter Flachstahl gehört zur Salzgitter Gruppe und produziert Warmbreitband, Bandstahl, Bandblech, Kaltfeinblech und oberflächenveredelte Produkte.
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