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Rohstoff aus rostigen Karosserien

Digitale Visualisierung eines weißen Fahrzeugs, dessen linke Hälfte sich in metallische Schrottteile auflöst – symbolisiert den Recyclingkreislauf von Altfahrzeugen zu neuem Rohstoff.
© BMW Group

03. März 2026 | Lesedauer: 14 Minuten

Klimafreundlicher Kreislauf: Im Förderprojekt Car2Car entwickelten Industrie und Wissenschaft unter der Leitung der BMW Group gemeinsam neue Lösungen für eine echte Kreislaufwirtschaft im Automobilbau. Die Salzgitter Mannesmann Forschung untersuchte, wie sich Stahl noch effizienter in den Kreislauf zurückführen lässt, um so CO₂-Emissionen zu reduzieren.

Es ist klirrend kalt an diesem Morgen im Januar. Der Himmel über dem Hüttengelände in Salzgitter ist klar. Auf dem Schrottplatz der DEUMU (Deutsche Erz- und Metall-Union GmbH), einer Tochter­gesellschaft des Salzgitter-Konzerns gleiten die ersten Sonnenstrahlen des Tages über die Berge aus Altmetall. Ein Lkw lädt dröhnend eine Fuhre alter ausgedienter Fahrräder, altersschwacher Wasch­maschinen, zerbeulter Karosserien und glänzender Würfel aus Produktions­resten ab. Staub wirbelt durch die Luft. Schrottumschlagbagger greifen tief in die Schrotthaufen hinein und laden Altmetallteile auf das Förderband der Schredderanlage. Kurze Zeit später steigt der Lautstärkepegel abermals an: Die Anlage zerkleinert den Schrott, damit daraus später CO2-reduzierter Stahl erzeugt werden kann. 

Schredder wie diese sollen künftig noch deutlich mehr können als Schrott zu zerkleinern. Sie sollen intelligent sortieren und trennen und so die Grundlage für eine nochmal verbesserte Kreislaufwirtschaft im Automobilbau schaffen.  

Genau hier setzte das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Forschungsprojekt Car2Car an, das sich gezielt dem Recycling von Stahl, Aluminium, Glas, Kupfer und Kunststoff aus Altfahrzeugen widmete. Gemeinsam mit weiteren Partnern aus Industrie und Wissenschaft wollten BMW und die Salzgitter AG herausfinden, wie sich die Wertstoffe aus Altfahrzeugen deutlich besser als bisher für den Bau neuer Autos nutzen lassen.

Vom Klimaziel zur Kreislaufwirtschaft

„Die Transformation der Industrie hin zur Circular Economy ist unumgänglich“, sagt Hilke Schaer, Projektleiterin Car2Car bei BMW Group. Der Automobilhersteller, der bei dem Projekt die Führungsrolle übernommen hat, bekennt sich zum Pariser Klimaabkommen und will seine CO2e-Emissionen bis spätestens 2050 um 90 Prozent gegenüber 2019 reduzieren. Die Kreislaufwirtschaft haben die Münchner zum strategischen Schwerpunktthema ernannt. „Um die Klimaziele zu erreichen, betrachten wir den gesamten Wertschöpfungsprozess. Altfahrzeuge sind für die BMW Group eine Quelle für Sekundärrohstoffe. Mit Car2Car wollen wir die Rückführung von Altfahrzeugen in den Rohstoffkreislauf fördern“, sagt Schaer.

 

 

Die Transformation der Industrie ist unumgänglich.

Hilke Schaer,
Projektleiterin Car2Car bei BMW Group

Auch für die Salzgitter AG ist das Projekt ein entscheidender Baustein auf dem Weg in eine klimafreundliche Zukunft. Das Unternehmen verfolgt mit seinem Transformationsprogramm SALCOS® (Salzgitter Low CO2 Steelmaking) das Ziel, die CO2-Emissionen bis Mitte der 2030er Jahre um mehr als 95 Prozent zu senken. Dafür werden die klassischen Hochöfen durch neue Technologien wie die Direktreduktion ersetzt. Zentrale Bausteine dieser neuen Route sind die Direktreduktionsanlage sowie ein Elektrolichtbogenofen, der neben direktreduziertem Eisen vor allem eines benötigt: hochwertigen Stahlschrott als Sekundärrohstoff.

Großversuch: 400 Altfahrzeuge durchlaufen Recyclingprozess

„Hier schließt sich der Kreis zu Car2Car“, sagt Matthias Schneider, der das Projekt für die Salzgitter Mannesmann Forschung begleitet. „Für die Stahlerzeugung war Schrott schon immer ein strategischer Rohstoff. Auch im konventionellen Hochofen- und Konverterprozess wird Schrott zum Abkühlen benötigt – die Rezyklat-Quote liegt üblicherweise bei 20 Prozent. 

Ein limitierender Faktor bei der Erzeugung bestimmter Stahlgüten ist jedoch die Schrottqualität. Je besser die Qualität des Schrotts, desto höher kann die Rezyklatmenge sein. Schon heute wird Stahl auch aus reinem Stahlschrott im Elektrolichtbogenofen erschmolzen und zu neuen Stahlprodukten wie Trägern verarbeitet. Wir arbeiten im Rahmen von Car2Car aber auch daran, spezifische Güten zu ermöglichen, wie sie beispielsweise im Automobilbau benötigt werden. Car2Car hat uns wichtige Erkenntnisse zur Verwendung von Post Consumer Stahl-Schrotten und ihrer Eignung zur erneuten Erzeugung automobiltypischer Stahlprodukte geliefert.“
 

>50%

der Materialmasse aus Altfahrzeugen lassen sich wieder für einen Einsatz im Fahrzeugbau aufbereiten.

Kern des Projekts war ein Großversuch, bei dem mehr als 400 Gebrauchtfahrzeuge aus dem Portfolio der BMW Group nach nur minimaler Demontage den gesamten Recyclingprozess durchliefen. Das Ziel: eine sogenannte „Car2Car-Quote“ zu ermitteln. Sie beschreibt, welcher Gewichtsanteil der Materialien eines Altfahrzeugs so aufbereitet werden kann, dass er die hohen Qualitätsanforderungen für den anteiligen Einsatz in einem Neuwagen erfüllt.

Überraschungen blieben nicht aus. Eine der größten betraf den Stahl: Die Expertenteams hatten erwartet, aufwendige Sensortechnik einsetzen zu müssen, um störende Fremdstoffe wie Kupfer aus dem geschredderten Material zu filtern. Doch das Projekt bewies das Gegenteil. „Wir konnten nachweisen, dass wir für die Aufbereitung zu automotive-tauglichem Rezyklat in die Flachstahlherstellung ohne Sensortechnologien auskommen“, berichtet Schaer. „Stattdessen konnten wir bereits mit mechanischen Verfahren wie Magnettrennung und Klassierung den Anteil kritischer Elemente ausreichend reduzieren.“

Stahlrecycling als Schlüssel für CO2-arme Produktion

Die Ergebnisse sind vielversprechend. „Wir haben nachweisen können, dass sich potenziell insgesamt mehr als 50 Prozent der Materialien aus Altfahrzeugen mit zusätzlichen Prozessschritten wieder für einen Einsatz im Fahrzeugbau aufbereiten lassen“, sagt Schaer. „Und dies leisten allein die Metalle Stahl, Aluminium und Kupfer.“ Bei Glas und Kunststoffen seien die Herausforderungen größer, hier limitiert vor allem die Wirtschaftlichkeit die Potenziale.

„In einem Forschungsprojekt können wir einen deutlich höheren Aufwand für Analysen betreiben“, sagt Salzgitter-Forscher Schneider. „Im realen Betrieb fährt ein Lkw mit Schrott vor – da sind vielleicht zwei Kühlschränke und viele alte Fahrräder dabei, da kann niemand 20 Laboranalysen pro Charge machen. Das Projekt zeigt, was möglich ist. Die Kunst wird jetzt sein, die Erkenntnisse in robuste, wirtschaftliche Prozesse zu übersetzen.“

Der Fokus auf Stahl ist kein Zufall. „Da der Masseanteil von Stahl in Fahrzeugen oft bis zu 50 Prozent beträgt, schlägt die Senkung des Stahl-Footprints in der Bilanzierung der Emissionen der Lieferkette deutlich zu Buche“, berichtet Schaer. Jeder Prozentpunkt an Rezyklat spart für das auf diese Weise hergestellte Produkt Energie und CO2 im Vergleich zur Herstellung aus Primärrohstoffen. Die Erkenntnisse aus Car2Car bestätigen den Weg der Salzgitter AG in die CO2-arme Stahlproduktion – auch bekannt als grüner Stahl – und liefern wertvolle Daten für die künftige Schrottaufbereitung. Nachdem bisher eher Industrieschrotte aus der Produktion vor Gebrauch verwendet wurden, kann die Rezyklat-Verfügbarkeit durch die Aufbereitung von Post-Consumer-Material deutlich gesteigert werden. Gleichzeitig reduziert man das Downcycling, wenn die Sekundärmaterialien auf annähernd gleichem Qualitätslevel wieder zum Einsatz kommen. In welchem Maß zukünftig der Stahlschrott aus Altfahrzeugen für die Stahlherstellung genutzt wird, hängt unter anderem von der Nachfrage nach Stahl und der Verfügbarkeit der anderen Schrottsorten ab.

Digitale Produktpässe für mehr Transparenz

Damit sich die erprobten Prozesse in Richtung industrieller Standards entwickeln, ist neben der Technik auch Transparenz für die Altfahrzeugverwertung erforderlich. „Die Chance, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, entsteht da, wo die Kooperation der Partner durch digitale Plattformen einfach und transparent unterstützt wird“, sagt Schaer. Digitale Produktpässe könnten künftig sichtbar machen, welche Materialien in einem Fahrzeug stecken und in welcher Qualität sie am Ende ihres Lebenszyklus zur Verfügung stehen. Auf dieser Basis lassen sich Stoffströme verlässlich planen – und hochwertige Sekundärrohstoffe gezielt dorthin lenken, wo sie am meisten bewirken.

Unternehmen können nicht planen, wenn sich alle paar Jahre die Regulatorik ändert.

Matthias Schneider, Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH

Zudem braucht es verlässliche Partnerschaften und stabile politische Rahmenbedingungen. „Unternehmen können nicht planen, wenn sich alle paar Jahre die Ausrichtung der Regulatorik ändert“, betont Schneider. Für die klimafreundliche Zukunft der Industrie zähle Verlässlichkeit, denn die Investitionen in Anlagen und Prozesse sind hoch. Ändern sich die grundlegenden Zielsetzungen und Randbedingungen, werden möglicherweise die abgestraft, die früh in Richtung Klimaneutralität investiert haben.

Wie groß der Anteil von Altfahrzeugen an der Rohstoffversorgung in zehn Jahren sein wird, lässt sich heute noch nicht exakt beziffern. Die Richtung aber ist klar. „Wir sind überzeugt davon, dass die Verbindung zwischen Recycling und Neuproduktion immer selbstverständlicher werden wird“, sagt Schaer.

Und so könnte das zermalmende Knirschen der Alt-Karosserien auf dem Schrottplatz in Salzgitter künftig nicht mehr das Ende eines Autolebens bedeuten, sondern den Anfang eines weiteren Lebens als neues mit CO2-reduziertem Stahl erzeugten Fahrzeugs. Mit innovativer Technik, digitalen Plattformen und klugen Kooperationen wird der Schrottplatz zur Quelle neuer automobiler Wertschöpfung.

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