„Back to Black“: Salzgitter-Konzern stabilisiert Ergebnis

23. März 2026 | Lesedauer: 10 Minuten
Schwache Konjunktur, hohe Energiepreise und globale Überkapazitäten: Finanzchefin Birgit Potrafki erklärt im Interview, warum sich die Salzgitter AG trotz widriger Umstände 2025 stabilisieren konnte. Welche Rolle das Ergebnisverbesserungsprogramm P28 und die Umtauschanleihe dabei spielen und warum sie vorsichtig optimistisch ins neue Geschäftsjahr geht.
Frau Potrafki, die Salzgitter AG hat gerade ihren Geschäftsbericht für 2025 veröffentlicht. Was ist die wichtigste Botschaft?
Wir sind back to black! Wir haben eine schwarze Null und damit den Breakeven-Punkt erreicht.
Eine schwarze Null bei weniger Umsatz – wie ordnen Sie das ein?
Dass wir unser Ergebnis stabilisiert haben, war alles andere als ein Selbstläufer. Die Stahlbranche bewegt sich nach wie vor in einem herausfordernden Marktumfeld. 2025 lahmte die Konjunktur, die deutsche Wirtschaft trat auf der Stelle, wichtige Kundenbranchen wie die seit längerem schwächelnde Automobilindustrie konnten sich auch im vergangenen Jahr nicht erholen. Und in dieser Situation machen der Stahlbranche die großen Überkapazitäten und die globalen Verwerfungen der Warenströme infolge der US-amerikanischen Handelspolitik besonders zu schaffen. Daher war 2025 noch herausfordernder als das Vorjahr. In diesem Umfeld ein EBITDA VX von 406 Millionen Euro und ein Vorsteuerergebnis von zwei Millionen Euro – ohne die Bewertungseffekte aus der Umtauschanleihe – zu erzielen, zeigt: Wir sind widerstandsfähig und können uns auch in einem schwierigen Marktumfeld behaupten.
Stichwort Umtauschanleihe: Die Salzgitter AG hat dieses Finanzierungsinstrument im Oktober 2025 erfolgreich platziert – im Wert von 500 Millionen Euro. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Die Umtauschanleihe stärkt unsere finanzielle Flexibilität – sowohl für die laufende Finanzierung als auch für Investitionen im Rahmen unserer Transformation, etwa für die erste Stufe von SALCOS®. Diese Anleihe sorgt dafür, dass unsere Finanzierung breiter aufgestellt ist und sich die Laufzeiten besser verteilen. Außerdem haben wir dadurch einen Teil des Kursgewinns der Aurubis-Aktie, die im letzten Jahr sehr gut gelaufen ist, eingeloggt.
Die an Aurubis gekoppelte Umtauschanleihe beeinflusst Ihre Ergebniskennzahlen. Wie gehen Sie damit um?
Salzgitter hält knapp 30 Prozent Anteile an Aurubis und konnte die Anleihe für einen Teil davon auf diesem Weg gut platzieren. Gleichzeitig können Kursschwankungen zu Bewertungseffekten führen, die unsere Ergebniskennzahlen verzerren – ohne dass sich dadurch die operative Leistungsfähigkeit verändert. Deshalb weisen wir ab 2026 unsere Ergebniskennzahlen und deren Prognose ohne diese Bewertungseffekte aus. Wir berichten deshalb ein „EBITDA Vx“ und ein „EBT Vx“. Das Kürzel steht für Valuation Exchangeable und verweist auf die Bewertung (Valuation) der Anleihe (exchangeable). So können wir Ergebniseffekte im Zusammenhang mit der Bewertung der Umtauschanleihe eliminieren.
Neben strategischen Finanzierungsinstrumenten setzen Sie vor allem auf nachhaltige Performance: Über das Ergebnisverbesserungsprogramm P28 wollte der Konzern 2025 knapp 100 Millionen Euro sparen – wie weit sind Sie gekommen?
Dank des großen Engagements unserer Beschäftigten haben wir die Ziele sogar übertroffen. Wir hatten uns 97 Millionen Euro Kostensenkungseffekte vorgenommen: Nachhaltig erreicht haben wir 110 Millionen Euro; dazu addieren sich Maßnahmen, die einen einmaligen Effekt hatten, die uns weitere 19 Millionen Euro an Einsparungen gebracht haben. Heißt: Wir liegen in Summe bei 129 Millionen Euro. Das sind 33 % Übererfüllung. Gegenüber dem Vorjahr konnten wir die Beiträge sogar verdoppeln. Das ist ein großer Erfolg, auf den alle, die daran mitgewirkt haben, wirklich stolz sein können. Ich bin sehr beeindruckt, welche Kraft in unseren Teams, in unseren Kolleginnen und Kollegen, steckt.
In den vergangenen zwölf Monaten und bis zum Ausbruch des Iran-Kriegs hat sich die Salzgitter-Aktie sehr stark entwickelt. Was bedeutet diese Dynamik und wie wichtig ist es für die Salzgitter AG, dass sie nun wieder im MDAX vertreten ist?
Natürlich freuen wir uns, dass unsere Aktie ab dem 23. März 2026 wieder im MDAX vertreten sein wird – damit zählen wir erneut zu den nach Marktkapitalisierung 90 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands und gewinnen zusätzliche Sichtbarkeit sowie potenziell mehr Investoreninteresse. Gleichzeitig sollten wir die Erwartungen realistisch einordnen: Der Kursanstieg geht nicht allein auf unsere eigenen Anstrengungen – etwa die Maßnahmen zur Ergebnisverbesserung oder Portfoliooptimierung – zurück, sondern auch auf externe Faktoren wie den CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM, der energieintensive Branchen und ihre Wettbewerbsposition an der europäischen Außengrenze neu ordnet oder neue Handelsschutzinstrumente, sowie unsere Beteiligung an der Aurubis AG.
Externe Faktoren wie der Iran-Krieg wirken aktuell negativ auf die meisten Aktienkurse. Wie blicken Sie auf diese Entwicklung?
Der Iran-Krieg zeigt gerade eindrücklich, weswegen es so wichtig ist, dass wir uns an unseren Langfrist-Zielen orientieren, ein nachhaltiges Wachstum erreichen und so ein vertrauensvolles Verhältnis zum Kapitalmarkt festigen. Darüber hinaus macht die aktuelle Lage deutlich, welche strategische Bedeutung stabile Lieferketten und eine leistungsfähige heimische Stahlindustrie haben – Resilienz hat einen eigenen Wert, wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch. Und diesen Wert sind Unternehmen, u. a. unsere Kunden, zunehmend bereit, auch über den Preis anzuerkennen.
Mit welcher Entwicklung rechnen Sie für das laufende Geschäftsjahr?
Für 2026 bin ich vorsichtig optimistisch. Ich verspreche mir erste Impulse aus der Regulatorik: Erste Effekte aus CBAM sind bereits sichtbar. Positive Auswirkungen der EU-Stahlschutzmaßnahmen Safeguards sollten sich ab dem dritten Quartal einstellen. Einen klaren Aufwärtstrend erwarte ich dann für 2027. Das Infrastrukturprogramm der Bundesregierung und auch ein Teil des Außenhandelsschutzes dürften erst dann spürbar werden. Entscheidend sind für uns positive Signale unserer Kunden. Nach einem Produktionsrückgang im Jahr 2025 erwartet zum Beispiel der Maschinenbau eine Wende hin zu leichtem Wachstum im Jahr 2026. Davon würde nicht nur unser Maschinen- und Anlagenbauer KHS, sondern auch die Stahlbranche profitieren.
Geopolitische Spannungen, hohe Energiekosten, Überkapazitäten auf dem Weltmarkt: Wie lässt sich in diesem Spannungsfeld ein resilientes Geschäftsmodell aufbauen?
Resilienz erreichen wir nur mit einer ganzheitlichen Strategie, die kurzfristige Stabilisierung und langfristige Wettbewerbsfähigkeit vereint. Dazu gehört ein Mix aus konjunkturellen Maßnahmen – etwa zur flexiblen Anpassung von Kapazitäten und Beständen – und konsequenten Performance-Maßnahmen wie P28, die die Effizienz im Unternehmen strukturell verbessern. Entscheidend ist dabei eine klare Kostendisziplin, um Ergebnis und Cashflow auch in schwächeren Marktphasen abzusichern.
Sparen ist kein Allheilmittel ….
Richtig. Unternehmen brauchen die Nähe zum Markt. Eine konsequente Kundenorientierung hilft, Bedürfnisse früh zu erkennen, die richtigen Investitionen zu tätigen und das Portfolio gezielt zu gestalten. Und wir machen unsere Finanzierung robust: Wer seine Liquidität diversifiziert– also Finanzierungsquellen und Laufzeiten breiter aufstellt –gewinnt Handlungsspielräume, um auch in unsicheren Zeiten konsequent steuern zu können.
Wir bedanken uns für das Gespräch.
Neue Kennzahlen: Mehr Klarheit mit „VX“
In jedem unserer Geschäftsbericht finden sich die Kennzahlen EBITDA und EBT. Sie stehen für das operative Ergebnis bzw. das Vorsteuerergebnis eines Unternehmens. 2026 führt die Salzgitter AG nun mit EBITDA VX (Earnings before Interest, Taxes, Depreciation, Amortization and Valuation Exchangeable) und EBT VX (Earnings before Taxes and Valuation Exchangeable) neue, bereinigte Kennzahlen ein. Warum? Sie sollen verzerrende Effekte aus der Stichtagsbewertung der Umtauschanleihe herausrechnen. Die Salzgitter AG bietet damit eine deutlichere Sicht auf die Leistung des Unternehmens und auch eine bessere Vergleichbarkeit für Analysten und Investoren. Mit den neuen Kennzahlen reagiert der Stahlkonzern auf die starken Wertschwankungen der Umtauschanleihe, die im Oktober 2025 ausgegeben wurde.
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