H2-Liefervertrag: Verhandlungen im Neuland

15. Juni 2026 | Lesedauer: 12 Minuten
10.000 Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr: Was nach Abschluss eines standardisierten Lieferabkommens klingt, war Pionierarbeit zwischen der Salzgitter AG und ihrem Partner EWE. Wie man einen Vertrag ohne Vorlage aushandelt – und was er für die Stahlbranche bedeutet.
Etablierte Muster, bewährte Klauseln, bestehende Regulatorik und eingespielte Marktprozesse: Energieliefererträge auszuhandeln, zum Beispiel um die Gasversorgung zu sichern, gehört zu den Routineaufgaben zweier Unternehmen, die nach wenigen Wochen oder Monaten erledigt sind. Normalerweise. Anders beim Anfang Juni geschlossenen Wasserstoffliefervertrag zwischen der Salzgitter AG und dem Energieversorger EWE aus Oldenburg: Denn für ein solches Vertragswerk gab es weder Vorlagen noch ausreichende Regelwerke, an denen sich die Verhandlungspartner orientieren konnten.
„Die Verhandlungen begannen 2024 buchstäblich mit einem leeren Blatt Papier“, sagt Lennart Schümann, Experte für das Thema Energiestrategie und -beschaffung bei der Salzgitter AG. Bis das gefüllt und unterschrieben war, dauerte es fast zwei Jahre. Was auf den ersten Blick auf Ineffizienz oder gar Unstimmigkeiten zwischen den Vertragspartnern schließen ließe, ist nichts anderes als ein Indiz für einen komplexen Prozess, in dem viele grundlegende Fragen zum ersten Mal beantwortet werden mussten.
Der Ausschreibungsprozess: Von mehr als 100 Anbietern zu einem Partner
Bereits im Sommer 2024 startete die Salzgitter AG die internationale Ausschreibung für die Lieferung von bis zu 150.000 Tonnen erneuerbarem Wasserstoff pro Jahr. Die Resonanz war groß. Mehr als 100 Unternehmen von allen Kontinenten – lediglich die Antarktis ausgenommen – beteiligten sich an der Ausschreibung und boten insgesamt mehr als eine Million Tonnen Wasserstoff an. Es folgte ein mehrstufiges Verfahren, in dem sich die EWE als nationaler Anbieter schließlich durchsetzen konnte.
Der Prozess im Detail
- Request for Interest
- Request for Information
- Request for Proposal
- Erstellung einer Shortlist & vertiefte Vertragsverhandlungen
- Unterzeichnung von Eckpunktepapieren & Vertragsabschluss
Die Verhandlungen: 3 Faktoren machen den Prozess komplex
Was nach einem klassischen Beschaffungsprozess klingt, war in der Praxis Grundlagenarbeit. Denn viele Fragen, die für andere Energielieferverträge längst geklärt sind – etwa wie Liefermengen erfasst oder abgerechnet werden, oder welche Reinheit der Energieträger haben muss – mussten hier ohne jede Vorlage ausgehandelt werden. Die Gründe:
- Keine Musterverträge: Wasserstoff ist ein Hybrid – ein Molekül wie Gas, aber strommarktgetrieben in der Erzeugung. Bestehende Vorlagen aus der Gas- oder Stromwelt, etwa PPAs oder Gaslieferverträge, bieten eine Orientierung, eigenen sich aber als Vorlagen nur bedingt.
- Regulatorik im Aufbau: Normen für Netzeinspeisung, Bilanzierung, Reinheitsanforderungen und Messung sind für Wasserstoff noch nicht final definiert. Wasserstofflieferverträge müssen aktuell auf einer Regulatorik aufbauen, die teilweise grade erst entsteht.
- Unreifer Anbietermarkt: Die meisten Wasserstoffprojekte existieren bisher nur auf dem Papier. Die Anlagen werden oft erst nach einem Vertragsabschluss mit einem künftigen Abnehmer gebaut. Preise, Kapazitäten und Lieferfähigkeit der Anbieter sind daher schwer vergleichbar. Und ein hypothetisches Angebot zu verhandeln, erfordert ganz neue Bewertungskriterien. Auch das Wasserstoffkernnetz ist noch im Aufbau.
Was ist IPCEI?
IPCEI (Important Projects of Common European Interest) ist ein europäisches Förderinstrument für Vorhaben, die über die Interessen eines einzelnen Mitgliedstaates hinausgehen. Die Förderung ermöglicht staatliche Beihilfen für Projekte mit hohem Innovationsgrad und strategischer Bedeutung – etwa beim Aufbau einer europäischen Wasserstoffwirtschaft.
Warum EWE: Die Entscheidungskriterien
Was für EWE als Partner sprach: Das niedersächsische Energieunternehmen betreibt ein IPCEI-gefördertes Elektrolyseprojekt, das planmäßig vor 2028 in Betrieb geht. Damit entfallen planmäßig die Stromnetzentgelte für den Elektrolyseur. Diese Regelung gilt derzeit für alle Anlagen, die vor dem 04. August 2029 mit der Wasserstoffproduktion starten. Auch die strengen Anforderungen der RFNBO-Regulatorik in Bezug auf die sogenannte „Zusätzlichkeit“ greifen noch nicht – also die für alle erneuerbar produzierte Energieträger, die nicht aus Biomasse stammen. Das senkt die Preise für den grünen Wasserstoff.
Hinzu kommt ein eigenes Trading House, mit dem EWE sein Stromportfolio effizient managet. Auch darüber lassen sich die Kosten für den Wasserstoff steuern, denn bei der Elektrolyse machen Stromkosten mehr als die Hälfte des Wasserstoffpreises aus. Geliefert wird über das deutsche Wasserstoffkernnetz – ohne lange Wege und Importabhängigkeit.
RFNBO-Kriterien
RFNBO-Kriterien legen fest, unter welchen Bedingungen Wasserstoff und andere synthetische Kraftstoffe als „erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs“ gelten und damit auf EU-Ziele anrechenbar sind. Sie verlangen im Kern eine vollständig erneuerbare Strombasis, hohe Treibhausgaseinsparungen gegenüber fossilen Alternativen (mindestens 70 Prozent) sowie Vorgaben zu Zusätzlichkeit und zeitlich-räumlicher Korrelation zwischen erneuerbarer Stromerzeugung und Kraftstoffproduktion.
Was der Vertrag für die klimafreundliche Stahlproduktion bedeutet
Der umfangreiche Liefervertrag sichert der Salzgitter AG nun rund 10.000 Tonnen erneuerbaren Wasserstoff pro Jahr – ein zusätzlicher Baustein neben der eigenen 100-MW-Elektrolyseanlage, die ab Mitte 2027 circa 9.000 Tonnen jährlich produziert. Zusammen decken beide Quellen einen relevanten, aber noch kleinen Teil des Gesamtbedarfs für die Direktreduktionsanlage von 150.000 Tonnen ab. Auf weitere Ausschreibungen verzichtet der Konzern dennoch zunächst bewusst, bis klarere regulatorische Rahmenbedingungen vorliegen und die Entwicklung des Wasserstoffkernnetzes Fortschritte macht.
„Kein abstraktes Risiko“
Drei Fragen an Lennart Schümann, Experte für Energiestrategie und -beschaffung.
10.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr – bei einem Gesamtbedarf von 150.000 Tonnen für die Direktreduktionsanlage: ein Tropfen auf den heißen Stein?
Es ist zumindest ein signifikanter Anfang und der erste Wasserstoffliefervertrag in der Größe für die Stahlindustrie. Ab Mitte 2027 liefert unsere eigene 100-MW-Elektrolyse rund 9.000 Tonnen, 2030 kommen die 10.000 Tonnen von EWE über das Kernnetz dazu. Das sind zusammen knapp 20.000 Tonnen – ein relevanter Baustein, aber eben noch weit entfernt vom perspektivischen Zielbedarf von bis zu 150.000 Tonnen. Die Lücke ist uns sehr bewusst, wir benötigen allerdings auch weiter eine Verbesserung der politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Sobald die Marktbedingungen es zulassen, starten wir weitere Beschaffungsrunden.
Ein Vertrag mit jeder Menge Bedingungen und Abhängigkeiten. Fließt 2030 wirklich grüner Wasserstoff nach Salzgitter?
Die EWE kann zum zugesagten Zeitpunkt liefern. Da bin ich sicher. Aber auch das Kernnetz muss termingerecht stehen. Dazu gibt es keine Alternative und keinen Workaround – ohne Leitung kein Molekül. Für die EWE wie auch für uns entstehen sonst reale Kosten: Der Elektrolyseur ist dann gebaut, er degradiert über die Zeit, die Finanzierung läuft und verursacht Zinskosten. Das ist kein abstraktes Risiko, das ist Volks- und Betriebswirtschaft. Darüber hinaus brauchen wir für weitere Schritte in der Wasserstoffbeschaffung jetzt schnell verlässliche Regulatorik: eine Anpassung der RFNBO-Kriterien, eine Strompreiskompensation über 2030 hinaus und grüne Leitmärkte, die dafür sorgen, dass grüner Stahl auch verlässlich nachgefragt wird.
Die Salzgitter AG geht als Pionier voran – verzichtet aber derzeit auf die Ausschreibung weitere Kapazitäten. Ist das nicht widersprüchlich?
Nein, das ist konsequent. Wir haben gezeigt, dass ein solcher Vertrag machbar ist – trotz aller Hürden. Aber unter den heutigen Kostenbedingungen kann das kein Modell ohne externe Förderungen für die nächsten 130.000 Tonnen sein. Wir sagen klar: Wir machen den ersten Schritt. Aber damit daraus ein Hochlauf wird, müssen Politik und Markt nachziehen. Sonst droht dieser Vertrag eine Ausnahme zu bleiben.
Die Projekte „Clean Hydrogen Coastline“ und SALCOS® werden unterstützt und gefördert von:

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