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Das unsichtbare Netz der Energiewende

03. März 2026 | Lesedauer: 14 Minuten

Ein bedeutender Teil der industriellen Transformation Deutschlands geschieht unterirdisch: Der Um-, Aus- und Neubau der Rohrleitungsnetze für Wärme, Wasser und Wasserstoff ist die größte und vermutlich diffuseste Baustelle des Landes. Eine Herkulesaufgabe, für die Stahlrohre das technologische Fundament bilden.

Früher Morgen auf einer Großbaustelle bei Oldenburg: Entlang der markierten Leitungstrasse, neben einem vorbereiteten Graben, warten bereits die ersten Stapel aus tonnenschweren Stahlrohren. Ein Kran hebt ein Rohrsegment an, zwei Monteure dirigieren es zentimetergenau an seinen Platz. Funken sprühen, als die Schweißnähte gesetzt werden. Parallel dokumentiert eine Ingenieurin den Fortschritt am Tablet, während ihr Kollege die Schweißnaht mit Ultraschall kontrolliert. Abschnitt für Abschnitt verschwindet das neue Rohrsystem im Erdreich – unsichtbar, aber entscheidend für die künftige Energieversorgung. Hier entsteht ein Teil des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes, das in den kommenden Jahren grüne Energie aus den Nordseehäfen zu den Industriezentren im Süden transportieren soll.

Mammutaufgabe:
sanieren, erneuern, umrüsten

Deutschlands Infrastruktur steht vor einem gewaltigen Umbruch. Doch während der Sanierungsbedarf bei maroden Brücken, Straßen und Schienen oder der Ausbau von Stromtrassen die öffentliche Debatte bestimmen, findet ein entscheidender Teil der Neuausrichtung des Landes unter der Erde statt. Ein riesiges, weitgehend unsichtbares Netz aus Rohrleitungen versorgt Menschen und Industrie mit Wasser, Wärme und Energie. Alleine das deutsche Erdgasnetz erstreckt sich laut Bundeswirtschaftsministerium über 600.000 Kilometer – eine Strecke, die 15-mal um den Äquator reichen würde. 

Dieses hochkomplexe System muss nun fit werden für eine Zukunft ohne fossile Energien. Und das bedeutet weit mehr als nur den Bestand zu reparieren. Die Netze müssen gerüstet sein für völlig neue Aufgaben: für den Transport neuer Energieträger wie Wasserstoff. Und für neue Routen zwischen Erzeugenden und Verbrauchenden. Ein finanzieller, technischer und politischer Kraftakt. Unverzichtbarer Werkstoff für diese Transformation: Stahl.

Robuster Werkstoff der Transformation

Denn Stahl vereint Eigenschaften, die für die anstehenden Aufgaben bestens geeignet sind. Seine hohe Festigkeit erlaubt den sicheren Transport von Gasen wie Wasserstoff unter hohem Druck. Seine Langlebigkeit und Robustheit garantieren jahrzehntelange Nutzung bei geringem Erhaltungsaufwand und maximaler Versorgungssicherheit. Weil er zu 100 Prozent recyclingfähig ist, ohne an Qualität zu verlieren, ist Stahl außerdem nachhaltig – und damit ein perfektes Beispiel für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft.

Anders als bei den hochgradig sanierungsbedürftigen Brücken sind die großen Rohrleitungsnetze in einem überwiegend guten Zustand und werden engmaschig überwacht. „Pipelines besitzen eine extrem lange Lebensdauer“, sagt Konrad Thannbichler, Leiter des Verkaufs bei der Mannesmann Line Pipe GmbH, einem auf Stahlrohre spezialisierten Tochterunternehmen der Salzgitter Gruppe. „Es gibt weltweit Pipelines aus Stahl, die über 100 Jahre alt sind. Es sind bei der OMV in der Nähe von Wien Ölpipelines aus einem früheren Hösch- oder Mannesmann-Werk seit 65 Jahren ohne Unterbrechung in Betrieb. Im Hamburger Gasnetz sind seit 50 Jahren Leitungsrohre im Einsatz und wurden erst vor Kurzem für den Transport von Wasserstoff mit Niederdruck als geeignet beurteilt.“ Moderne Pipelines werden zudem permanent mittels eines schwachen Messstroms überwacht, sodass der Betreiber jederzeit den Zustand der Leitung kontrollieren kann. Viele dieser Rohre werden erst in ferner Zukunft ersetzt werden müssen. 

Handlungsdruck ist dennoch da – ausgelöst durch die Transformation der Energie- und Industrielandschaft. Die Netze müssen neue Medien transportieren, teils über andere Strecken oder gar in umgekehrter Richtung als bisher – weg von einzelnen, zentralen Einspeisepunkten hin zu einem dezentralen System aus erneuerbaren Energiequellen, Importterminals und neuen industriellen Großverbrauchern.

~100Jahre

kann die Lebensdauer eines Stahlrohres betragen. Nahe Wien ist eine Ölpipeline seit 65 Jahren in Betrieb, in Hamburg sind seit 50 Jahren Leitungsrohre im Einsatz, die nun sogar für den Transport von Wasserstoff ausgezeichnet wurden.

Das neue Netz: Wasserstoff als Treiber des Umbaus

Der Umbau des Energiesystems erfordert eine komplett neue Infrastrukturplanung. Das prominenteste Beispiel dafür ist das deutsche Wasserstoff-Kernnetz. Bis 2032 soll eine fast 10.000 Kilometer lange Start-Infrastruktur die wichtigsten Industriezentren, Speicher und Importhäfen miteinander verbinden. Die gute Nachricht: Etwa 60 Prozent des bestehenden Erdgasleitungsnetzes sind technisch auch für den Transport von Wasserstoff geeignet. Die restlichen 40 Prozent, also fast 4.000 Kilometer, müssen komplett neu produziert und verlegt werden. Genau hierfür hat Mannesmann Line Pipe als erster Hersteller weltweit zertifizierte Rohre entwickelt, die die besonderen Anforderungen des Wasserstofftransports erfüllen. Diese Mannesmann H2ready genannten Leitungen sind Ergebnis einer intensiven Prüfung und Qualifizierung der Materialien für H2 und bieten so die nötigen Sicherheitsreserven für einen jahrzehntelangen, zuverlässigen Betrieb. 

Die Doppelrolle: Gestalter und Nutzer der Energiewende

Die Neuproduktion wird auch nötig, weil alte Leitungen oft an der falschen Stelle liegen: „Der Wasserstoff fließt meist nicht in dieselbe Richtung wie das Erdgas, denn die Erzeuger und die Anwender sind komplett andere“, sagt Thannbichler. „Die großen Abnehmer von Wasserstoff werden in Zukunft vor allem die Stahl- und die Chemieindustrie sein.“ Dazu zählt auch der Salzgitter-Konzern selbst: Das Unternehmen benötigt grünen Wasserstoff, um die eigene Stahlproduktion im Rahmen des Transformationsprogramms SALCOS® zu dekarbonisieren und CO2-reduzierten Stahl herzustellen. 

Für die Salzgitter AG schließt sich damit ein Kreis: „Unsere Doppelrolle als Hersteller von H2-fähigen Rohren und zugleich als zukünftiger Nutzer von Wasserstoff schafft eine besondere Position“, sagt Thannbichler. Sie verkörpert die von Salzgitter angestrebte Vision einer konsequenten Kreislaufwirtschaft. Die Idee: Pipelines aus grünem Stahl, transportieren den erneuerbaren Wasserstoff, der für die Produktion ebendieses Stahls benötigt wird.

Mehr als Wasserstoff: universelle Lösungen für alle Energieträger

Die Transformation der Rohrleitungsinfrastruktur geht jedoch weit über Wasserstoff hinaus. Sie gilt ebenso für den massiven Ausbau der Fernwärmenetze, der im Zuge der kommunalen Wärmeplanung ansteht, wie für spezialisierte Pipelines zur Abscheidung und zum Transport von CO2 (Carbon Capture) aus der Zement- oder Kalkindustrie. Auch Ammoniak, wichtig als chemischer Rohstoff und als Wasserstoffträger in der Industrie, wird in speziellen Rohrleitungen zwischen Hafen, Speicher und Crackanlagen oder innerhalb von Industrieparks transportiert. Nach der Rückverwandlung von Ammoniak in Wasserstoff erfolgt der Weitertransport des Wasserstoffs ebenfalls in Stahlrohren zu den industriellen Abnehmern.

Eine weitere entscheidende Rolle spielt die Sicherung der Trinkwasserversorgung. Im deutschen Netz gehen durch Leckagen laut Umweltbundesamt jährlich mehr als 400 Millionen Kubikmeter des eingespeisten Wassers verloren. Der kontinuierliche Erneuerungsbedarf ist hoch, und langlebige Stahlrohre helfen, die Netze sicher und effizient zu halten. Nicht zuletzt bilden Kabelschutzrohre aus Stahl die Basis für die großen Stromautobahnen wie Südlink. Sie ermöglichen eine grabenlose, bürgerfreundliche Verlegung unter der Erde. Hierfür hat die Mannesmann Line Pipe GmbH 2024 ein eigenes Rohrverbindungssystem entwickelt, das den Praxistest selbst bei schwierigen Baustellenbedingungen bestanden hat. Stahlrohre sind zudem nötig, um die von Offshore-Windturbinen gespeisten Stromkabel zum Meeresboden zu leiten. „Gleichgültig, welche technologische Richtung die Energiewende einschlägt: Wir liefern die passenden Produkte“, sagt Thannbichler. „Es gibt im Grunde keinen Baustein der Transformation, an dem wir nicht mit einer Lösung beteiligt sind.“ 

Es gibt im Grunde keinen Baustein der Transformation, an dem wir nicht mit einer Lösung beteiligt sind.

Konrad Thannbichler,
Leiter des Verkaufs bei der Mannesmann Line Pipe GmbH

Echte Nachhaltigkeit: Nur mit Weichenstellungen der Politik

Die Voraussetzungen für eine nachhaltige Aufrüstung des deutschen Rohrleitungssystems aus grünem Stahl sind also da. „Es reicht aber nicht, dass alle nach grünem Stahl fragen – am Ende zählt, was tatsächlich verbaut wird“, sagt Konrad Thannbichler. Noch entscheide bei Ausschreibungen oft allein der Preis. „Wir brauchen klare politische Rahmenbedingungen, damit Qualität und Nachhaltigkeit zum Standard werden.“ Die öffentliche Hand sei in der Verantwortung, bei der Vergabe von Infrastrukturprojekten gezielt nachhaltige Materialien und regionale Wertschöpfung zu berücksichtigen. Die Entscheidung für grünen Stahl aus deutscher Produktion unterstütze nicht nur die Klimaziele, sondern stärke auch die heimische Wertschöpfung und verringere die Abhängigkeit von globalen Lieferketten. „Es wäre Nonsens, Pipelines für die Energiewende zu bauen und dafür konventionell hergestellten Stahl zu verwenden“, sagt Thannbichler. „Die Infrastruktur für grünen Wasserstoff muss selbst aus grünem Stahl bestehen – und dieser Stahl sollte idealerweise aus Deutschland kommen, wo er erzeugt wird.“

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Mannesmann Line Pipe

Mannesmann Line Pipe ist ein Spezialist für HFI-längsnahtgeschweißte Stahlrohre mit Außendurchmessern von 114,3 bis 610,0 mm (4½" - 24").

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