Das Magazin der Salzgitter AG
Interview

„Pragmatische Regulierung statt bewusster Wettbewerbs­nachteile“

Das H2Ready Rohr wird mit Hilfe von Hebebändern und Kränen in einen offenen Graben auf einer Baustelle abgesenkt.

03. März 2026 | Lesedauer: 11 Minuten

Lennart Schümann, Experte für das Thema Energiestrategie und -beschaffung bei der Salzgitter AG, erklärt, was der Konzern für den Weg zum grünen Stahl braucht und was die Politik liefern muss.

Herr Schümann, 95 Prozent weniger CO₂ bis Mitte der 2030er-Jahre: Wie geht das?

Wir ersetzen Schritt für Schritt unsere Energieträger: weg von Kohle, hin zu erneuerbarem Strom und grünem Wasserstoff – mit Erdgas als Brückentechnologie. Statt der klassischen Hochofenroute, also der Verhüttung von Eisenerz mit Koks, wird künftig in Direktreduktionsanlagen Eisenerz mit Wasserstoff reduziert, ohne dass CO2 entsteht.

Wo kommen die neuen Energieträger dafür her?

Das ist unsere Herausforderung – besonders beim Wasserstoff: Wir benötigen perspektivisch bis zu 150.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr für die Direktreduktionsanlage. Unsere Eigenelektrolyse mit 100 Megawatt ist eine der größten in Deutschland und wird etwa 9.000 Tonnen liefern. Den Rest müssen wir extern beschaffen. Dafür brauchen wir das Wasserstoff-Kernnetz.

Der physische Anschluss ans Wasserstoff-Kernnetz kommt 2027, aber der führt zunächst ins Leere. Ab 2029 werden wir mit den Erzeugungsanlagen verbunden.

Die ersten Teilstücke des Netzes gingen 2025 in Betrieb. Die Salzgitter AG soll 2027 angeschlossen sein. Ist das realistisch?

Wir rechnen 2029 mit einem funktionsfähigen Anschluss. Der erste physische Anschluss erfolgt zwar 2027, aber der führt erstmal ins Leere. Denn die durchgängige Verbindung zu H2-Produktions- oder Einspeisepunkten fehlt dann noch. Das Kernnetz wird etappenweise gebaut, und die durchgängige Anbindung an die Wasserstoffproduktion im Norden erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt. Der Anschluss verbindet uns erstmal also nicht mit externen Elektrolyseuren oder Import-Terminals und hilft uns nicht bei der Wasserstoffbeschaffung. Wir müssen ohnehin auch unterscheiden zwischen der Infrastruktur, also dem Leitungsnetz, und der Wasserstoffbeschaffung bzw. -erzeugung. Zwei Optionen für die externe Versorgung mit Wasserstoff sind realistisch: zum einen der Import aus anderen Ländern via Pipeline oder Schiff, zum anderen die heimische Erzeugung über Elektrolyseure wie beispielsweise in Wilhelmshaven, Lingen oder Emden. So oder so: Beim Aufbau der gesamten Wasserstoffinfrastruktur stehen wir vor einem klassischen Henne-Ei-Dilemma. 

Das heißt?

Wir drehen uns etwas im Kreis: Elektrolyse-Betreiber brauchen zwei bis drei Jahre Bauzeit. Sie müssen also zügig beginnen, ihre Kapazitäten aufzubauen. Dafür brauchen sie Abnahmegarantien von der Industrie. Andernfalls investieren sie nicht, weil die Gefahr besteht, dass die Elektrolyseure ungenutzt dastehen. Für den Transport des Wasserstoffs brauchen wir aber auch einen verlässlichen und vor allem termingerechten H2-Kernnetzaufbau, damit die Elektrolyseure ab deren Inbetriebnahme auch Wasserstoff produzieren und liefern können.

Und diese Abnahmegarantien sichern Sie nicht zu?

Wir befinden uns in tiefen Vertragsverhandlungen mit möglichen Wasserstofflieferanten. Für einen funktionsfähigen Liefervertrag brauchen wir aber die Planungssicherheit und Verlässlichkeit bei der Transportinfrastruktur. Elektrolysekapazitäten bringen uns nichts, wenn der Wasserstoff bleibt, wo er ist. Diese Risiken können weder wir noch die Betreiber der Produktionsanlagen allein tragen. Hier brauchen wir mehr staatliche Absicherung und Unterstützung.

Der Wettbewerb zieht angesichts solcher Unwägbarkeiten teilweise bereits die Reißleine: ArcelorMittal hat Mitte 2025 seine Wasserstoff-Projekte in Bremen und Eisenhüttenstadt gestoppt – trotz zugesagter Fördergelder in Höhe von 1,3 Milliarden Euro. Steht ein Rückzug für die Salzgitter AG zur Debatte?

Nein, die Salzgitter AG transformiert. Die Umsetzung unserer SALCOS® Stufe 1 ist technologiegetrieben, finanziell abgesichert und klar priorisiert. Wir sind uns der Risiken – unsichere Wasserstoffverfügbarkeit, hohe Energiepreise und unklare Rahmenbedingungen – bewusst. Klar ist daher: Wir brauchen einen regulatorischen und politischen Rahmen, der nachhaltige Produkte wertschätzt. Und vor allem brauchen wir von der Politik eine staatliche Absicherung für Infrastrukturrisiken, Planungssicherheit bei der sogenannten Strompreiskompensation sowie den Stromnetzentgelten für Elektrolyseure über 2029/2030 hinaus. Und ein klares Bekenntnis zu nachhaltig hergestellten Produkten.

Strompreiskompensation

Die Strompreiskompensation entlastet das produzierende Gewerbe – insbesondere die energieintensive Industrie – von indirekten Kosten des europäischen CO2-Emissionshandels, die bei der Stromerzeugung entstehen. Aktuell profitieren davon rund 340 besonders stromintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen und dadurch einen Ausgleich für strompreisbedingte Wettbewerbsnachteile erhalten.

Zwischen unternehmerischen Risiken und staatlicher Unterstützung: Nach welchem Leitbild treffen Sie in der Energiebeschaffung Ihre Entscheidungen?

Wir orientieren uns am energiewirtschaftlichen Dreieck: Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit. Diese drei Ziele stehen manchmal im Konflikt, wir müssen sie also permanent austarieren. Ein Beispiel: In der Energiekrise ist die Nachhaltigkeit in den Hintergrund gerückt, weil es darum ging, Energie überhaupt verfügbar und bezahlbar zu haben. Mit SALCOS® priorisieren wir bewusst die Nachhaltigkeit – aber die beiden anderen Pfeiler dürfen nicht wegbrechen. Wir möchten und werden transformieren – aber eben vernünftig und wirtschaftlich tragbar. 

Wie setzen Sie das konkret um – etwa beim Grünstrom?

Unser Ziel sind 100 Prozent Grünstrom bis 2030 im gesamten Konzern. Dafür schließen wir langfristige Direktlieferverträge mit erneuerbaren Energieanlagen – Power Purchase Agreements, kurz PPAs. Wir sind bereits heute einer der weltweit größten PPA-Abnehmer und unter Stahlherstellern die Nummer eins. Bewusst mit unterschiedlichen Partnern – zur Risikostreuung. Das ist gelebte Versorgungssicherheit im energiewirtschaftlichen Dreieck.

Kann grüner Stahl aus Deutschland unter den gegenwärtigen Voraussetzungen und bei den derzeitigen Energiepreisen überhaupt konkurrenzfähig sein?

Das ist die zentrale Herausforderung. Wir haben in Deutschland enorm hohe Energiepreise – sowohl bei Stromgestehungskosten als auch bei den Netzentgelten. Dazu kommt starker Importdruck von Billigstählen aus Asien. Die US-Zollpolitik verschärft die Lage zusätzlich. In Europa kämpfen wir zudem mit strengen Regulierungen: Die RFNBO-Kriterien, EU-Vorgaben für die Herstellung und Nutzung von grünem Wasserstoff, schreiben beispielsweise ab 2028 vor, dass der Strom für die Wasserstoffherstellung aus neu errichteten Anlagen für erneuerbare Energien stammen und ab 2030 zeitgleich zur Produktion erzeugt werden muss. Das schraubt die Kosten für grünen Wasserstoff aus Deutschland beziehungsweise Europa in die Höhe. 

RFNBO-Kriterien

RFNBO-Kriterien legen fest, unter welchen Bedingungen Wasserstoff und andere synthetische Kraftstoffe als „erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs“ gelten und damit auf EU-Ziele anrechenbar sind. Sie verlangen im Kern eine vollständig erneuerbare Strombasis, hohe Treibhausgaseinsparungen gegenüber fossilen Alternativen (mindestens 70 Prozent) sowie Vorgaben zu Zusätzlichkeit und zeitlich-räumlicher Korrelation zwischen erneuerbarer Stromerzeugung und Kraftstoffproduktion.

Diese enormen Kosten für die Stahlhersteller lassen die Verbraucherpreise wohl massiv steigen …

Viel weniger als man denkt. Ja, die Transformation ist für uns enorm kostenintensiv – hohe Energiepreise, teure Anlagen, neue Infrastruktur. Aber Stahl macht im Endprodukt nur einen Bruchteil der Kosten aus. Ein Auto wird bei Verwendung von Grünstahl etwa 0,3 bis 0,7 Prozent teurer – bei einem Mittelklasse-Fahrzeug entspricht das etwa dem Preis von einem Satz guter Fußmatten. Oder nehmen Sie eine Waschmaschine: Ist der verbaute Stahl grün, kostet das Gerät um die zwei Euro mehr. Diese Größenordnungen sind überschaubar. Und genau deshalb lohnt sich der Aufwand: Die Mehrkosten für die Endkunden sind gar nicht so groß, aber der Klimaeffekt ist gewaltig.

Wenn alles nach Plan läuft – wie sieht es dann Mitte der 2030er-Jahre bei Ihnen aus?

Die Direktreduktionsanlage läuft, wir beziehen Wasserstoff über das Kernnetz, setzen zu 100 Prozent erneuerbaren Strom ein und produzieren CO2-reduzierten Stahl. Dieser baut die grüne Infrastruktur weiter auf – von Rohren über Brücken bis zu Windkraftanlagen weit draußen auf dem Meer.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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