Das Magazin der Salzgitter AG
Beitrag

Präzise und nachhaltig: Ein Messer aus Wasser vollendet den Spezialstahl

 Robert Kühn steht mit verschränkten Armen in einer Werkhalle vor einer großformatigen Wasserstrahlschneidanlage. Im Vordergrund sind das Bedienpult und der Bildschirm zu sehen; im Hintergrund befinden sich mehrere Schneidköpfe der Anlage.

09. September 2026 | Lesedauer: 10 Minuten

Hochfeste Spezialstähle verlangen nach einem Trennverfahren, das ihre Eigenschaften nicht verändert. Die Ilsenburger Grobblech GmbH setzt dafür jetzt auf eine der größten Wasserstrahlschneidanlagen Europas – und senkt damit ihren CO₂-Fußabdruck.

Je härter ein Stahl, desto empfindlicher reagiert er aufs Schneiden. Genauer: auf die Hitze, die entsteht, wenn schwere Stahlbleche per Flamme oder Plasma zugeschnitten werden. Was wie ein Widerspruch klingt – ein Material, das extremen Belastungen standhält, verträgt ausgerechnet den eigenen Zuschnitt nicht –, ist ein reales Problem der Grobblechfertigung. Und in Ilsenburg der Grund für eine Investition in die Zukunft.

Die Ilsenburger Grobblech GmbH, Tochter der Salzgitter AG, stellt Bleche zwischen 6 und 175 Millimetern Dicke her – unter anderem für die Energiebranche, für Baumaschinen, den Bergbau sowie für Sicherheitsanwendungen. Bei vielen dieser Güten liegt die Herausforderung am Ende der Prozesskette: Wenn das Blech gewalzt und wärmebehandelt ist, muss es in seine endgültige Form gebracht werden. Dazu begradigen Schneidverfahren die Ränder, trennen überschüssiges Material an Kopf- und Fußende ab und schneiden Proben für die Qualitätsprüfung heraus. Beim üblichen Brennschneiden erhitzt die Flamme die Schnittkante lokal auf mehrere hundert Grad und trennt das Material. Bei Standardbaustählen ist das unkritisch.  

Bei Premium-Grobblech wird Hitze zum Risiko

Bei hoch- und verschleißfesten Stählen – etwa für Baggerschaufeln oder Fördermaschinen im Bergbau – kann der rasche Temperaturwechsel das Gefüge an der Kante verändern: Der Stahl wird dort zwar härter, verliert aber seine Zähigkeit und neigt zu Rissen. „Wir verarbeiten teilweise über 30 Quadratmeter große Bleche, die an jeder Stelle haargenau die gleichen Eigenschaften haben. Diese Qualität darf der Zuschnitt nicht wieder zunichtemachen", erklärt Robert Kühn, Vorsitzender der Geschäftsführung der Ilsenburger Grobblech GmbH. Um das zu vermeiden, musste das Unternehmen bislang einen Umweg gehen: die Bleche vor dem Schneiden noch einmal im Ofen vorwärmen. Ein zusätzlicher Schritt, der Ofenkapazität und Energie verbraucht, Kranbewegungen erfordert und die Lieferzeit verlängert.

Kalt trennen statt heiß vorbehandeln

Eine neue Wasserstrahlschneidanlage macht diesen Umweg überflüssig. Das Verfahren arbeitet rein mechanisch. Ein Wasserstrahl, versetzt mit feinem Granatsand und beschleunigt auf die dreifache Schallgeschwindigkeit, trennt den Stahl. Der Effekt: Kein Wärmeeintrag, keine veränderten Eigenschaften an der Kante, keine Rissneigung. Die Anlage stammt vom Hersteller H.G. Ridder Automatisierungs-GmbH aus Hamm und gehört zu den größten 4-Kopf-Wasserstrahlschneidanlagen, die das Unternehmen bisher in Europa gefertigt hat. Der Schneidtisch misst 18 Meter in der Länge, die maximale Schneidbreite liegt bei 5,7 Metern. Zum Vergleich: Die Standardbreite solcher Anlagen liegt bei anderthalb Metern. Zwei Hochdruckpumpen erzeugen einen Druck von bis zu 3.800 bar. Vier Schneidköpfe ermöglichen es, zwei Bleche parallel zu bearbeiten. „Der Fertigungsweg verkürzt sich, die Lieferzeiten sinken, die Disposition wird flexibler“, sagt Kühn. Aktuell geht die Schneidanlage nach umfangreichen Tests in die reguläre Produktion über.

Was ist Grobblech?

Grobbleche sind flache Stahlprodukte ab etwa 6 Millimetern Dicke, die das Walzwerk als ebene Tafeln verlassen – oft mehrere Meter breit und über zehn Meter lang. Sie kommen überall dort zum Einsatz, wo schwere, belastbare Stahlkonstruktionen gefragt sind: in Windradtürmen, Brücken, Schiffen, Baumaschinen oder Druckbehältern. Die Ilsenburger Grobblech GmbH fertigt insbesondere hochspezialisierte Güten: verschleißfeste Stähle (BRINAR®, MAXIL®) für Bergbau und Baumaschinen sowie Sicherheitsstähle (SECURE) für Schutzanwendungen. Diese hochqualitativen Güten erfordern besondere Sorgfalt beim Zuschnitt.

Weniger CO₂ auf mehreren Ebenen

Die Anlage stützt die Nachhaltigkeitsstrategie des Salzgitter-Konzerns. Beim Brennschneiden wird Erdgas verbrannt – beim Vorwärmen der rissempfindlichen Bleche im Ofen ebenfalls. Beides entfällt mit dem Wasserstrahlverfahren. Die Hochdruckpumpen laufen elektrisch. Den Strom dafür bezieht die Ilsenburger Grobblech zu einem wachsenden Anteil aus Wind- und Solarparks. Auch bei den Ressourcen Wasser und Sand schließen sich Kreisläufe: Das Wasser zirkuliert in einer geschlossenen Aufbereitung, Frischwasser wird nur in geringen Mengen zum Ausgleich von Verdunstungsverlusten nachgefüllt. Der verbrauchte Granatsand geht an den Lieferanten zurück, der ihn aufbereitet und für andere Zwecke – etwa das Sandstrahlen – erneut einsetzt. Perspektivisch entsteht so ein weitgehend CO₂-armes Trennverfahren.

Drei Fragen an Dr. Robert Kühn

Vorsitzender der Geschäftsführung der Ilsenburger Grobblech GmbH

Der europäische Grobblechmarkt gilt als überversorgt. Inwiefern hilft die aktuelle Investition, sich im Wettbewerb zu behaupten?

Die europäischen Grobblechkapazitäten sind historisch auf Massensegmente wie Schiff- oder Brückenbau ausgelegt und für den heutigen Bedarf schlicht zu groß. Dazu kommt: Bei Standardstählen lässt sich der Preiskampf gegen Niedrigkostenländer kaum gewinnen. Unser Weg ist ein anderer: Wir setzen auf metallurgisches Know-how, hochmoderne Wärmebehandlung und jetzt ein Trennverfahren, das die Werkstoffeigenschaften bis zur letzten Kante erhält. Die Wasserstrahlschneidanlage komplettiert eine Fertigungskette, die von der Legierungsentwicklung bis zum versandfertigen Blech am Standort Ilsenburg gebündelt ist. Das erfordert weniger Tonnage als ein Massengeschäft, aber deutlich mehr Fertigungstiefe. Hier sind wir wettbewerbsfähig aufgestellt. 

Wasserstrahlschneiden dauert länger als thermisches Schneiden. Wie passt das zu einem Unternehmen, das 700.000 Tonnen Stahl im Jahr durchsetzt?

Für Standardbaustähle funktionieren Flamme und Plasma weiterhin einwandfrei und kommen auch bei uns zum Einsatz. Die neue Anlage bedient gezielt das komplexeste Segment unserer Produktion – tonnenmäßig ein überschaubarer Anteil, qualitativ aber der anspruchsvollste. Und was das Tempo betrifft: Wir haben die Anlage bewusst mit vier Schneidköpfen ausgelegt, um mindestens zwei Bleche parallel bearbeiten zu können. Entscheidend sind aber vor allem die Zeit- und Emissionseinsparungen im Gesamtprozess. Der Vorwärmofen entfällt, die Kranbewegungen reduzieren sich, die Durchlaufzeit verkürzt sich erheblich. Für das Wasserstrahlschneiden verbrennen wir keinerlei Erdgas mehr. Die Hochdruckpumpen laufen elektrisch, und den Strom beziehen wir zunehmend über Power Purchase Agreements mit Windpark- und Photovoltaikbetreibern.

Welche Ihrer Kunden profitieren besonders von der neuen Anlage?

Vor allem Abnehmer unserer verschleißfesten Stähle BRINAR® und MAXIL® sowie der Sicherheitsstähle SECURE. Das sind genau die Güten, bei denen thermisches Trennen an Grenzen stößt. Diese Kunden bekommen künftig ein Blech, dessen Eigenschaften bis zur Kante unverändert sind, und das mit kürzeren Lieferzeiten. Für uns ist die Anlage damit ein strategischer Schritt, der Premiumqualität und grüne Transformation zusammenbringt – in dieser Konsequenz sind wir im europäischen Grobblechmarkt Vorreiter.

Verwandte Themen
Ähnliche Beiträge entdecken
Porträtfoto von Benedikt Ritterbach, Geschäftsführer der Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH (SZMF). Er trägt eine Brille, ein weißes Hemd und ein dunkles Sakko und blickt freundlich in die Kamera. Im Hintergrund sind Pflanzen und ein helles Interieur zu erkennen.

08.07.26 | Interview

„Innovation entsteht nicht im Konferenzraum“

Wie Benedikt Ritterbach, Geschäftsführer der Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH (SZMF), die Salzgitter-Forschung auf die Transformation zur CO₂-armen Stahlproduktion ausrichtet.

Interview lesen
Blick entlang des Fußgängerstegs der Brooklyn Bridge in Richtung eines der steinernen Pylontürme. Stahlseile spannen sich symmetrisch von beiden Seiten zur Mitte. Ein weißer Mittelstreifen führt den Blick auf den gotischen Spitzbogen des sandsteinfarbenen Turms zu, auf dem eine US-Flagge weht. Fußgänger sind in der Ferne erkennbar, das warme Licht der Abendsonne beleuchtet die Szene.

03.03.26 | Beitrag

Gebaut für die Ewigkeit: Pionierbrücken aus Stahl

Die ältesten Stahlbrücken der Welt wurden noch für Pferdekutschen gebaut. Aber sie sind so stabil, dass sie auch für den heutigen Straßen- und Zugverkehr taugen.

Beitrag lesen
Diesen Beitrag teilen
Link kopiert

Die Adresse für diesen Artikel wurde in Ihrer Zwischenablage gespeichert.