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Von der Rohrpost zum 5G-Campus

Two people wearing orange and grey protective clothing and helmets are standing in an industrial hall in front of stacked steel plates.

13. Mai 2026 | Lesedauer: 14 Minuten

Die Salzgitter Digital Solutions GmbH baut konzerneigene 5G-Campusnetze auf. Damit digitalisiert sie Hallen, Krane, ganze Werksgelände. Und bald auch einen Binnenhafen.

Auf dem Betriebsgelände der Salzgitter Flachstahl GmbH rasen Stahlkapseln mit sieben Metern pro Sekunde durch Rohrleitungen. Darin befinden sich Materialproben, die zur Qualitätssicherung ins Labor müssen. Rohrpost: eine analoge Technik, die seit Jahrzehnten zuverlässig funktioniert und bislang nicht sinnvoll durch eine digitale Lösung ersetzt werden konnte. 

Beim Versenden von digitalen Daten innerhalb eines Werks sieht das anders aus: Bei der Ilsenburger Grobblech GmbH, ebenfalls ein Unternehmen des Salzgitter-Konzerns, übermitteln Krane Prozesswerte an Leitsysteme, Kameras liefern Echtzeitbilder für die Fernsteuerung, Mitarbeitende erfassen Lagerdaten auf mobilen Tablets. Dafür braucht es Bandbreite, niedrige Latenz und eine Verbindung, die auch in einer stählernen Betriebshalle bei bis zu 80 Grad nicht abreißt. WLAN stößt in solchen Umgebungen an Grenzen – und das öffentliche Mobilfunknetz reicht auf weitläufigen Industriegeländen oft nicht aus.

Die Salzgitter Digital Solutions GmbH (SZDS), zentraler IT-Dienstleister des Salzgitter-Konzerns, hat deshalb einen neuen Weg eingeschlagen: Sie baut konzerneigene 5G-Campusnetze auf. Nicht als Zukunftsvision auf PowerPoint-Folien, sondern als funktionierende Infrastruktur in laufenden Produktionsbetrieben.

Die Handwerkenden der SZDS

Verantwortlich dafür ist Christian Kühlen, Abteilungsleiter Industrielle Kommunikation bei der SZDS. Seine Abteilung kümmert sich um alles, was im Konzern funkt, sendet und empfängt – von der Telekommunikation über Funkfernsteuerungen bis hin zur Nachrichtentechnik. „Wir sind sozusagen die Handwerkenden der SZDS“, sagt Kühlen. 

5G hat die Salzgitter Digital Solutions schon seit Jahren auf dem Schirm. Die Idee: ein eigenes Mobilfunknetz für Werksgelände, mit eigener Frequenz, eigener Infrastruktur und voller Kontrolle über Daten und Zugang. Der Mobilfunkstandard 5G bietet stabile Verbindungen auch in rauen Industrieumgebungen. Ein Campusnetz macht unabhängig vom Netzausbau externer Anbieter. Und es kann große Datenmengen in Echtzeit übertragen – Kamerabilder, Sensordaten, Lagerverwaltungsinformationen –, wofür bisherige Anbindungen über WLAN oder LTE in den Hallen oft nicht zuverlässig genug waren.

Wir haben in unseren Werken ein schwieriges Umfeld für digitale Datenübertragung. Überall Stahl, viele Reflexionen, viel Bewegung. Hitze, Kälte, Feuchtigkeit, Staub – da wollten wir wissen: Funktioniert 5G auch wirklich bei uns?

Christian Kühlen,
Abteilungsleiter Industrielle Kommunikation,
Salzgitter Digital Solutions GmbH

Ilsenburg: Wo Stahl auf Funk trifft

Die Antwort fand Kühlen in Ilsenburg, am Rand des Harzes in Sachsen-Anhalt. Die Ilsenburger Grobblech GmbH produziert hier schwere Stahlbleche unter extremen Bedingungen – für Funktechnik die denkbar anspruchsvollste Umgebung. Gemeinsam mit dem Technologiepartner Cocus AG startete die SZDS Ende 2025 einen Proof of Concept, einen strukturierten Praxistest unter realen Produktionsbedingungen.

In der Versandhalle des Betriebs, 350 x 70 Meter groß, versorgt heute eine einzige 5G-Radioeinheit die gesamte Fläche, der Funk reicht sogar bis in die Nachbarhalle. Zuvor waren dafür sieben WLAN-Access-Points nötig. Vier Krane, die Grobbleche von A nach B bewegen, laufen vollständig über das 5G-Netz. Unterbrechungen oder Datenverluste bei der Übertragung sind drastisch gesunken. „Das System funktioniert wirklich tadellos“, sagt Kühlen. In einer weiteren Halle erfassen Mitarbeitende Blechdaten per Industrie-Tablet in Echtzeit direkt im Prozessleitsystem – statt Informationen mit Zettel und Stift zu notieren und später am stationären PC einzutippen.

Für die nächste Phase des Projekts ist ein Kran mit fünf hochauflösenden Kameras vorbereitet, der von einem zentralen Leitstand aus gesteuert werden soll. Die niedrige Latenz des 5G-Netzes macht es möglich, dass ein einzelner Kranführer künftig mehrere Krane überwacht und bedient – ein erheblicher Effizienzgewinn für den Standort. „Wenn ein Kran stehen bleibt, ist das nicht nur ärgerlich“, sagt Kühlen. „Im schlimmsten Fall steht die Produktion still – und das kostet richtig viel Geld.“

Was ist ein 5G-Campusnetz?

Ein 5G-Campusnetz ist ein privates Mobilfunknetz für ein abgegrenztes Gelände – etwa ein Werksareal oder einen Hafen. Die Bundesnetzagentur vergibt exklusive Frequenzen, die für zehn Jahre zugeteilt werden. Nur Geräte mit speziell konfigurierten, gerätegekoppelten SIM-Karten erhalten Zugang – ein privates Smartphone kann sich nicht einbuchen. Die Infrastruktur besteht aus einem Core-System (zentrale Steuereinheit), Radioeinheiten (Sender) und 5G-Modems in den Endgeräten. Sämtliche Daten bleiben auf dem Betriebsgelände.

Peine: Vom Test zum Auftrag

Mehr Geld jedenfalls als ein 5G-Campusnetz. Die SZDS finanzierte den Großteil des Praxistests aus eigenen Mitteln – zu einem Zeitpunkt, als die wirtschaftliche Lage der Branche Investitionen in neue Technologien nicht gerade begünstigte. Dass das Konzept funktioniert, sprach sich im Konzern schnell herum. Noch bevor der Proof of Concept in Ilsenburg offiziell abgeschlossen war, meldete sich zum Beispiel die Peiner Träger GmbH, ebenfalls Tochtergesellschaft des Salzgitter-Konzerns, mit einem konkreten Auftrag.

Die Herausforderung im niedersächsischen Peine ist eine andere als in Ilsenburg: ein weitläufiges, gestückeltes Werksgelände mit einer neuen LKW-Wache, auf dem mobile Endgeräte für die Lagerverwaltung zuverlässig funktionieren müssen. Das öffentliche Mobilfunksignal ist auf dem Gelände zu schwach, WLAN auf den Freiflächen keine wirtschaftlich realistische Option. Die Lösung: sechs 5G-Radioeinheiten, verteilt auf Innen- und Außenbereiche, abgestimmt auf die Topologie des Geländes. Dabei achtet das Team darauf, dass das Signal nicht in angrenzende Wohngebiete abstrahlt.

Perspektivisch hat die Peiner Träger GmbH die Idee, Stahlbrammen automatisiert per Kamera zu verfolgen. „Man mag es kaum glauben, aber auch so eine Bramme geht mal verloren", sagt Kühlen. Kameras an definierten Punkten könnten die eingeschlagenen Seriennummern erfassen und den Weg jeder Bramme durch das Werk dokumentieren. „Wir von der SZDS haben angeboten, dieses Vorhaben unter anderem mit unserem 5G-Netz zu verwirklichen.“

Hafen Beddingen: Die große Vision

Den ambitioniertesten Plan verfolgt die SZDS gemeinsam mit den Verkehrsbetrieben Peine-Salzgitter (VPS) im Hafen Salzgitter-Beddingen. Für ein umfassendes 5G-gestütztes Digitalisierungsprojekt hat die SZDS Fördermittel aus dem DigiTest-Programm des Bundes beantragt, das digitale Testfelder in Häfen fördert.

Die Pläne in Beddingen reichen weit über eine bloße Netzabdeckung hinaus. Im Zentrum steht eine digitale Hafenmanagement-Plattform, die den bisher weitgehend analogen Betrieb durch echtzeitfähige, vernetzte Prozesse ablösen soll. Hinzu kommen die automatisierte Erkennung und Vermessung von Schüttgütern per LiDAR-Laser und Kamera. Bisher werden Mengen per Augenmaß geschätzt, was regelmäßig zu erheblichen Abweichungen führt. Auch die Fernsteuerung der Hafenkräne von einem zentralen Leitstand aus kann der 5G-Funk ermöglichen, da sich dank der niedrigen Latenz Kamerabilder ruckelfrei übertragen lassen. Und ein kameragestütztes Wasserwege-Tracking soll den Schiffsverkehr im Stichkanal Salzgitter in Echtzeit erfassen.

„Wir könnten uns auch vorstellen, dass wir unser Binnenschiff ,Blue Marlin‘ perspektivisch fernsteuern oder sogar teilautonom fahren lassen“, sagt Kühlen. „Die SEAFAR-Technologie dafür existiert bereits – aber das ist noch Zukunftsmusik.“ Insgesamt sind 15 Radioeinheiten für den Hafen und den Stichkanal vorgesehen.

Hafen Salzgitter-Beddingen

Der Hafen Salzgitter-Beddingen ist der umschlagsstärkste Binnenhafen Niedersachsens. Jährlich werden hier bis zu 2,5 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen – von Stahl und Schrott bis zu Agrar- und Mineralölprodukten. Als trimodale Logistikdrehscheibe verknüpft der Hafen Wasserstraße, Schiene und Autobahn. Betrieben wird er von den Verkehrsbetrieben Peine-Salzgitter (VPS), einer Tochtergesellschaft der Salzgitter AG, die ein eigenes Gleisnetz von 155 Kilometern Länge unterhält.

Modular, erweiterbar, am Bedarf orientiert

Der eigentliche Clou des SZDS-Ansatzes liegt nicht allein in der Technik, sondern im Skalierungsmodell. Das zentrale Core-System – gewissermaßen das Gehirn des 5G-Netzes – soll künftig im SZDS-Rechenzentrum in Salzgitter betrieben werden. „Wir sind ein Konzern und wir haben ein Rechenzentrum", sagt Kühlen. „Es würde Sinn ergeben, wenn wir das teure Core-System für einen Campus oder ein verbundenes Gebiet einmal zentral kaufen und dann allen dortigen Gesellschaften zur Verfügung stellen." Vom Core aus ließen sich weitere Standorte per Glasfaser anbinden, ohne dass jede Konzerngesellschaft eine eigene Kerninfrastruktur aufbauen muss. Die Kosten würden sich auf alle teilnehmenden Gesellschaften verteilen, der Einstieg und die laufenden Kosten wären für jeden weiteren Standort deutlich günstiger.

Dabei folgt Kühlen einem pragmatischen Prinzip: Ein 5G-Campusnetz wird immer dort aufgebaut, wo ein konkreter Anwendungsfall den Einsatz rechtfertigt – nicht als Komplettlösung für ein gesamtes Werk auf einmal, sondern modular, erweiterbar, am tatsächlichen Bedarf orientiert. Die Konzerngesellschaften bekommen alles aus einer Hand: Die SZDS plant die Infrastruktur, beschafft und installiert die Hardware, konfiguriert das Netz, bindet Endgeräte und Anwendungen an und übernimmt den laufenden Betrieb. „In der Regel machen wir alles“, sagt Kühlen. „Entweder allein oder mit Partnern.“ Die Technik funktioniert, die Ergebnisse sprechen für sich – und mit jedem Standort wächst nicht nur das Netz, sondern auch das Know-how im Konzern.

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