Das Magazin der Salzgitter AG
Interview

„Ein Vertrauensvorschuss, den wir bestätigen müssen“

21. Oktober 2026 | Lesedauer: 17 Minuten

Rund 250 Prozent plus in 24 Monaten, Kurs auf 15-Jahres-Hoch: Die Aktie der Salzgitter AG gehört zu den auffälligsten Papieren im MDAX. Markus Heidler, Leiter Investor Relations der Salzgitter AG, über Kapitalmarkterwartungen, P28, SALCOS®, HKM und die langfristige Wertentwicklung des Konzerns.

Das Interview mit Markus Heidler wurde Anfang September 2026 geführt.
 

Herr Heidler, die Salzgitter-Aktie hat innerhalb von 24 Monaten über 250 Prozent zugelegt und erreichte vor Kurzem ein 15-Jahres-Hoch. Da muss ein IR-Verantwortlicher doch vor Stolz platzen, oder?

Natürlich freue ich mich darüber – auch ganz persönlich. Ich bin im April 2008 bei der Salzgitter AG eingestiegen, mitten im damaligen Stahlboom. Der Aktienkurs lag zu der Zeit bei 111 Euro. Kurz darauf wurde die Salzgitter-Aktie zeitweise in den DAX aufgenommen. Seitdem habe ich unter anderem die Finanzkrise, die chinesischen Überkapazitäten und die Corona-Pandemie erlebt – mit Kursrückgängen bis in den einstelligen Euro-Bereich. Deshalb ist die aktuelle Kursentwicklung für mich nicht nur eine Zahl auf dem Bildschirm, sondern auch mit vielen persönlichen Erinnerungen an sehr unterschiedliche Marktphasen verbunden. Und sie erinnert mich daran, wie viel Geduld unsere Aktionärinnen und Aktionäre in den vergangenen Jahren mitgebracht haben.
 

Welche Erkenntnisse haben Sie aus diesen Schwankungen gezogen?

Meine wichtigste Erkenntnis aus fast zwei Jahrzehnten Kapitalmarktarbeit ist: Man darf weder kurzfristigen Kursausschlägen noch einzelnen Marktphasen zu viel Bedeutung beimessen. Langfristig entsteht Vertrauen, wenn ein Unternehmen seine Strategie nachvollziehbar erklärt, verlässlich liefert und auch kritische Fragen offen beantwortet.

Wie gut ist das der Salzgitter AG gelungen?

Inzwischen werden europäischer Stahl und die Salzgitter AG differenzierter betrachtet. Verbesserte europäische Handelsschutzmaßnahmen, der CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM, unsere Transformation mit SALCOS® und die Fortschritte aus unserem Ergebnisverbesserungsprogramm P28 finden zunehmend Anerkennung. Die Kursentwicklung ist für uns deshalb vor allem ein Vertrauensvorschuss, den wir operativ und strategisch bestätigen müssen.

Das Vorsteuerergebnis 2025 lag bei minus 28 Millionen Euro. Wie erklären Sie diesen vermeintlichen Widerspruch zum Höhenflug der Aktie?

Unsere Kernbotschaft zum Geschäftsjahr 2025 lautete „Back to Black“: Das ausgewiesene Vorsteuerresultat enthielt einen negativen Bewertungseffekt aus der im Oktober 2025 begebenen Umtauschanleihe. Bereinigt um diesen nicht operativen Effekt lag unser sogenanntes EBT VX – also das Vorsteuerergebnis vor Bewertungseffekten aus der Umtauschanleihe – bei plus 2 Millionen Euro – wir haben also den Breakeven erreicht. Dazu hat P28 bereits einen wesentlichen Beitrag geleistet. Dass wir im laufenden Jahr unsere Prognose für das EBT VX auf 325 bis 425 Mio. € anheben konnten, unterstreicht diesen Trend. Investoren bewerten nicht nur das Ergebnis eines einzelnen Geschäftsjahres, sondern vor allem die Fortschritte bei der nachhaltigen Verbesserung der operativen Performance.

Viele Analystinnen und Analysten haben ihre Einschätzung der Salzgitter-Aktie in den vergangenen Monaten verbessert. Gleichzeitig spielt der europäische Stahlmarkt in den Bewertungsmodellen wieder eine größere Rolle. Ist die Erholung der Stahlpreise der entscheidende Kurstreiber?

Nein, steigende Stahlpreise sind Rückenwind, wirken aber nicht allein. Aus meiner Sicht hat sich vor allem die Wahrnehmung der europäischen Stahlindustrie verändert. Versorgungssicherheit, industrielle Resilienz und faire Wettbewerbsbedingungen haben heute einen höheren Stellenwert als noch vor wenigen Jahren. Dass die Salzgitter-Aktie aktuell bei keiner Analystin und keinem Analysten mehr auf „Verkaufen“ steht, spiegelt diesen Perspektivwechsel wider. Die Aussichten für europäische Stahlunternehmen werden heute insgesamt positiver beurteilt – nicht nur wegen der Stahlpreise, sondern auch wegen ihrer strategischen Bedeutung für den Industriestandort Europa.

Was macht Investor Relations?

Investor Relations sorgt für den transparenten Austausch zwischen dem Unternehmen und seinen Kapitalmarkt-Stakeholdern, insbesondere Investoren, Analysten und Ratingagenturen. Der Bereich vermittelt Geschäftsentwicklung, Strategie sowie Chancen und Risiken und bringt zugleich die Erwartungen des Kapitalmarkts in das Unternehmen zurück.

Bei der Salzgitter AG verbindet ein Team von neun Kolleginnen und Kollegen den intensiven Austausch mit den Investoren und Analysten sowie die Finanzberichterstattung mit relevanten ESG-Themen. Finanzielle Entwicklung, Transformation und Nachhaltigkeit gehören heute immer stärker zusammen. Die Aufgabe des IR-Bereichs ist es, ein transparentes und verständliches Gesamtbild zu vermitteln. Denn der Kapitalmarkt kann nur bewerten, was er versteht.

Die Aurubis-Beteiligung hat im ersten Halbjahr 2026 allein 193 Millionen Euro zum Vorsteuerergebnis beigetragen. Wie vermitteln Sie Investorinnen und Investoren, dass das operative Geschäft der Salzgitter AG auch ohne Aurubis attraktiv ist?

Die Aurubis-Beteiligung ist ein äußerst wertvoller Teil unseres Portfolios und liefert starke Ergebnisbeiträge. Der Ergebnisbeitrag darf aber nicht mit dem laufenden Cashflow-Beitrag aus der Beteiligung an die Salzgitter AG gleichgesetzt werden. Dieser besteht ausschließlich aus Dividendenzahlungen. Deshalb betrachtet der Kapitalmarkt die Entwicklung unserer Geschäftsbereiche sehr genau. Im ersten Halbjahr 2026 haben sich die Segmente Stahlerzeugung, Handel und Technologie deutlich verbessert. 

Das Land Niedersachsen hält 27,9 Prozent, der Baukonzern GP Günter Papenburg knapp unter 10 Prozent an der Salzgitter AG. Wirkt diese Aktionärsstruktur als Stabilitätsanker oder als Bewertungsabschlag?

Ich würde klar von einem Stabilitätsanker sprechen. Das Land Niedersachsen ist seit dem Börsengang Aktionär der Salzgitter AG und hat den Konzern durch unterschiedliche Marktphasen begleitet. Diese langfristige Orientierung schafft Verlässlichkeit – gerade in Zeiten tiefgreifender Transformation. Unsere Aufgabe im IR-Bereich ist es, die Vorteile einer stabilen Aktionärsbasis mit einer guten Handelbarkeit der Aktie und einer breiten internationalen Investorenansprache zu verbinden.

Ende April haben Sie begonnen, eigene Aktien zu verkaufen, um die Verfügbarkeit zu erhöhen. Der Kurs reagierte am Tag der Ankündigung mit minus 7,5 Prozent. War der Schritt ein Fehler?

Nein, auch aus heutiger Sicht war der Schritt richtig. Wir haben damit auf ein wiederholtes Feedback von Investorinnen und Investoren reagiert: Für den Börsenhandel stand nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Salzgitter-Aktien zur Verfügung. Das lag zum einen an den Beteiligungen unserer Ankeraktionäre, zum anderen daran, dass die Salzgitter AG rund zehn Prozent des Grundkapitals an eigenen Aktien hielt. Diese Aktien standen dem Börsenhandel nicht zur Verfügung und zählten nicht zum Streubesitz. Für einige institutionelle Investoren war die Aktie so nur eingeschränkt investierbar. Wir haben uns bewusst entschieden, die Aktien schrittweise und kursschonend in den Markt zu geben, um ihn möglichst wenig zu belasten. Heute ist die Aktie liquider und für Investorinnen und Investoren besser handelbar.

SALCOS® ist die größte Investition in der Geschichte der Salzgitter AG. Warum sind Sie überzeugt, dass sich dieses Projekt für die Aktionärinnen und Aktionäre auszahlen wird?

Eine Investition dieser Größenordnung ist selbstverständlich mit Risiken verbunden. Die größere Gefahr wäre aus meiner Sicht jedoch gewesen, die Transformation nicht selbst aktiv zu gestalten. Mit SALCOS® schaffen wir die Voraussetzung, Stahl mit deutlich geringeren CO₂-Emissionen zu produzieren, regulatorische Belastungen zu begrenzen und unseren Kunden bei ihrer Dekarbonisierung zu helfen. Zugleich sichern wir die Zukunftsfähigkeit unseres Standortes. Die Finanzierung der ersten Stufe steht. Sie wird durch öffentliche Fördermittel und einen erheblichen Eigenanteil der Salzgitter AG getragen. Der modulare Ansatz von SALCOS® ermöglicht es uns, die Transformation Schritt für Schritt umzusetzen und technologische sowie marktseitige Entwicklungen zu berücksichtigen. Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg wird sein, wie gut technologische Umsetzung, Kundennachfrage und Wettbewerbsfähigkeit zusammenkommen.

Viele Investorinnen und Investoren haben über Jahre bezweifelt, dass sich mit „grünem Stahl“ Geld verdienen lässt. Hat sich diese Sicht inzwischen verändert?

Die Diskussion ist heute differenzierter. Früher galt Dekarbonisierung vor allem als Kosten- und Risikofaktor. Heute fragen Investoren stärker danach, wie Unternehmen die Transformation umsetzen und welche Wettbewerbsposition daraus entsteht. Unsere Kunden verfolgen eigene Dekarbonisierungsziele und benötigen dafür CO₂-reduzierte Stahlprodukte. Ob und wie schnell sich daraus zusätzliche Ertragschancen entwickeln, wird der Markt zeigen. Wir schaffen bereits jetzt die Voraussetzungen, um an diesem Markt teilzuhaben.

P28 liefert bereits heute messbare Ergebnisbeiträge. Ist das Programm inzwischen der überzeugendere Investmentcase als SALCOS®?

P28 und SALCOS® verfolgen verschiedene Ziele und sind auf unterschiedliche Zeithorizonte ausgelegt. P28 verbessert heute Ergebnis, Cashflow und unsere Widerstandsfähigkeit. SALCOS® schafft die Voraussetzungen dafür, dass wir langfristig wettbewerbsfähig Stahl produzieren können. Das eine stärkt unsere operative Leistungsfähigkeit, das andere unsere Zukunftsfähigkeit. Erfolgreich werden wir durch die Kombination aus beidem.

Neben P28 und SALCOS® ist nun die Integration des Duisburger Hüttenwerks HKM ein weiterer strategischer Baustein Ihrer Neuausrichtung. thyssenkrupp Steel und Vallourec steigen aus dem Unternehmen aus, die Salzgitter AG übernimmt vollständig. Was sieht die Salzgitter AG bei HKM, das die anderen nicht sehen?

Die entscheidende Frage ist für uns nicht, was andere möglicherweise nicht sehen, sondern welche strategische Bedeutung HKM für die Salzgitter AG hat. HKM ist ein wichtiger Bestandteil unseres Stahlgeschäfts. Auch eine geordnete Beendigung der Aktivitäten wäre mit erheblichen wirtschaftlichen Belastungen verbunden gewesen.Es gab also keinen risikofreien Weg. Wir haben uns daher für die Lösung entschieden, die uns strategische Optionen und unternehmerischen Gestaltungsspielraum eröffnet. Jetzt kommt es darauf an, diese Chancen konsequent zu nutzen. Daran wird uns der Kapitalmarkt messen.

Ein Stahlkonzern, der gleichzeitig ein Milliarden-Transformationsprogramm stemmt, Kosten senkt, HKM übernimmt und den Freefloat erhöht: Überfordern Sie den Kapitalmarkt nicht mit zu vielen Narrativen?

Die Themen sind unterschiedlich, folgen aber einem gemeinsamen Plan: Wir wollen die Wettbewerbsfähigkeit und den Wert der Salzgitter AG nachhaltig steigern. Eine zentrale Aufgabe von Investor Relations ist es, diesen Zusammenhang verständlich zu machen und komplexe Entwicklungen in eine nachvollziehbare Equity Story zu übersetzen. Der Kapitalmarkt muss erkennen können, wie P28, SALCOS®, HKM und die Verbesserung des Freefloats gemeinsam auf die langfristige Wertsteigerung einzahlen.

Die Attraktivität der Salzgitter-Aktie beruht also weniger auf einer hohen laufenden Dividende als auf industrieller Substanz und künftiger Wertsteigerung. 0,20 Euro Dividende je Aktie entsprechen bei einem Kurs um 50 Euro einer Rendite von weniger als 0,5 Prozent. Warum sollte ein dividendenorientierter Anleger die Aktie kaufen?

Wer in erster Linie eine möglichst hohe Dividendenrendite sucht, findet am Markt sicherlich andere Aktien. Die Salzgitter AG ist trotz ihrer verlässlichen Dividendenhistorie – mit der bekannten Ausnahme während der Corona-Pandemie – kein klassischer Dividendentitel. Unsere Equity Story basiert stärker auf industrieller Substanz, der Transformation eines führenden europäischen Stahlherstellers, der Verbesserung unserer Ertragskraft und einem attraktiven Value-Profil. Für viele Investorinnen und Investoren ist die Salzgitter-Aktie zudem eine der wenigen Möglichkeiten, gezielt an einer positiven Entwicklung der europäischen Stahlindustrie zu partizipieren.

Hand aufs Herz: Ist die Salzgitter-Aktie auf dem aktuellen Niveau fair bewertet, oder sehen Sie noch Luft nach oben?

Die Bewertung liegt bei den Investorinnen und Investoren. Ich persönlich freue ich aber darüber, dass der Kapitalmarkt heute viele Fortschritte anerkennt, an denen wir in den vergangenen Jahren gearbeitet haben. Gleichzeitig habe ich in fast zwei Jahrzehnten bei der Salzgitter AG gelernt, dass man sich auf Kursstände nie zu viel einbilden sollte. Entscheidend ist nicht, wo die Aktie heute steht, sondern ob wir unsere operativen und strategischen Ziele erreichen. Wenn uns das gelingt, bin ich zuversichtlich.

Allzeithoch

158,90 € (Intraday) am 13.07.2007,
157,10 € (Schluss) am 19.07.2007

Allzeittief

5,85 € (Intraday) am 27.11.2002,
5,99 € (Schluss) am 30.12.2002

Glossar

Break-even (Gewinnschwelle)

Der Punkt, an dem Erträge die Kosten gerade decken.

Cashflow

Die tatsächlich eingenommenen und ausgegebenen Zahlungsmittel eines Unternehmens. Im Unterschied zum bilanziellen Ergebnis zeigt der Cashflow, wie viel Geld tatsächlich zufließt.

Dividendenrendite

Die Dividende je Aktie im Verhältnis zum Aktienkurs, ausgedrückt in Prozent. Beispiel: Bei einer Dividende von 0,50 Euro und einem Kurs von 100 Euro liegt die Dividendenrendite bei 0,5 Prozent.

Eigene Aktien

Aktien, die ein Unternehmen von sich selbst hält. Sie stehen dem Börsenhandel nicht zur Verfügung und zählen nicht zum Freefloat.

Equity Story

Narrativ, mit dem ein Unternehmen Investoren seine Entwicklung, Strategie und seinen Wert erklärt. Beantwortet idealerweise die Frage, warum jemand die Aktie kaufen oder halten sollte.

Freefloat (Streubesitz)

Der Anteil der Aktien, die an der Börse frei handelbar sind und nicht von Ankeraktionären oder dem Unternehmen selbst gehalten werden.

Grundkapital

Die Summe der Nennwerte aller ausgegebenen Aktien eines Unternehmens.

Intraday-Kurs

Höchster oder niedrigster Kurs, der während eines Handelstags erreicht wurde.

Investor Relations

Investor Relations sorgt für den transparenten Austausch zwischen dem Unternehmen und seinen Kapitalmarkt-Stakeholdern, insbesondere Investoren, Analysten und Ratingagenturen. Der Bereich vermittelt Geschäftsentwicklung, Strategie sowie Chancen und Risiken und bringt zugleich die Erwartungen des Kapitalmarkts in das Unternehmen zurück.

MDAX

Der Index der Deutschen Börse, der die 50 größten börsennotierten Unternehmen unterhalb des DAX abbildet und damit insbesondere mittelgroße Unternehmen des deutschen Kapitalmarkts repräsentiert.

Schlusskurs

Der Kurs, zu dem eine Aktie am Ende eines Handelstags zuletzt gehandelt wurde.

Umtauschanleihe

Eine Anleihe, die Anleger am Ende der Laufzeit in Aktien eines anderen Unternehmens tauschen können. Bei der Salzgitter AG betrifft das Aktien der Aurubis-Beteiligung.

Vorsteuerergebnis (EBT)

Das Ergebnis eines Unternehmens vor Abzug der Ertragsteuern. Das Vorsteuerergebnis 2025 lag bei minus 28 Millionen Euro. Das um Bewertungseffekte aus der Umtauschanleihe bereinigte Vorsteuerergebnis (EBT VX) lag bei plus 2 Millionen Euro.

Xetra

Elektronisches Handelssystem der Deutschen Börse, über das Aktien gehandelt werden.

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