Das Magazin der Salzgitter AG
Interview

„Wer besetzt die letzte Meile?“

Skulptur eines stilisierten Globus aus Metallstäben und Lochblechen vor einem modernen Bürogebäude.

28. Mai 2026 | Lesedauer: 10 Minuten

Lange war der Stahlhandel vor allem eins: Schnittstelle zwischen Werk und Kundschaft. Doch in einem schwierigen Marktumfeld wird er zum Schlüsselbereich. Dr. Sebastian Bross kennt beide Seiten – und erklärt, warum der Handel jetzt für die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns entscheidend ist.

Herr Bross, Sie haben 13 Jahre lang ein Produktionswerk geführt, die Salzgitter Flachstahl. Heute stehen Sie als Handelschef noch näher am Markt. Wie verändert das die Perspektive?

In der Produktion denkst du oft in Tonnagen, Auslastung, Qualitäten. Du optimierst das Werk. Im Handel versetzt du dich noch stärker in die Sicht der Kundschaft. Und da merkst du schnell: Die meisten abnehmenden Unternehmen denken überhaupt nicht in einzelnen Produkten. Ein mittelständischer Metallbauer zum Beispiel braucht Träger, Bleche, Rohre, Stabstahl – alles aus einer Hand, in der richtigen Menge, zur richtigen Zeit. Das kann kein einzelnes Werk leisten. Aber der Handel kann es.

Welches ist das zweite Modell?

Das internationale Trading. Das funktioniert ganz anders. Da handeln wir global, ohne eigenes Lager. Jedes Geschäft wird individuell zusammengesetzt – Einkauf, Verkauf, Logistik, Finanzierung, Verzollung. Hier kommt nur ein Teil des Stahls aus unserem Konzern. Den Rest kaufen wir weltweit ein und koordinieren die Lieferung an unsere Auftraggeber, die oft auf einem ganz anderen Kontinent sitzen. 

Lagerung vs. Trading – die zwei Modelle des Handels

Im lagerhaltenden Handel kauft die Handelsorganisation auf Vorrat, lagert an eigenen Standorten und verkauft in kleineren Mengen an Endverbrauchende. Das Preisrisiko trägt er selbst – zwischen Einkauf und Verkauf können Wochen oder Monate liegen. Laut dem Bundesverband Deutscher Stahlhandel (BDS) steht die Stahldistribution für rund zwei Drittel der Marktversorgung mit Stahl in Deutschland.

Im Trading, dem Streckenhandel, werden Einkauf und Verkauf zeitnah zueinander abgeschlossen – sogenanntes Back-to-Back-Geschäft. Das Preisrisiko ist dadurch geringer. Die Risiken liegen hier in der Abwicklung: Finanzierung, Frachtraten, geopolitische Störungen, Zoll- und Quotenregelungen.

Welche Vorteile hat es für die Kundschaft, bei Ihnen zu kaufen statt bei einem unabhängigen Handelshaus?

Zunächst einmal die Breite. Wir können aus dem Konzern heraus ein Sortiment anbieten, das die meisten unabhängigen Händler nicht zusammenstellen können: Flachprodukte, Profile, Rohre, Grobblech. Und wir kennen die Produkte bis ins Detail, weil wir nah an der Produktion sind. Im lagerhaltenden Geschäft kommt die Anarbeitung dazu. Im internationalen Geschäft ist es unsere Abwicklungskompetenz von der Logistik bis zur Risikoabsicherung. Wenn Sie Stahl von Asien nach Südamerika bewegen, brauchen Sie jemanden, der die gesamte Kette beherrscht. Das können wir.

Andere Konzerne haben sich von ihren Handelshäusern getrennt. Warum hält die Salzgitter AG an ihrem fest?

Weil es in einem schrumpfenden Markt entscheidend ist, wer die letzte Meile zur Kundschaft besetzt. Solange der Markt wächst, kann jedes Werk seinen Stahl selbst verkaufen – da funktioniert die Produktsicht. Aber wenn die wirtschaftliche Lage sich ändert, zählt Kundennähe. Unsere Werke haben eine Handvoll Mitarbeitende im Vertrieb. Wir im Handel haben Hunderte und betreuen Tausende Unternehmen, die ein einzelnes Werk nie direkt erreichen würde. In einer Phase rückläufiger Bedarfe ist das ein echtes Pfund.

Sie haben den Handel in den letzten Jahren grundlegend neu aufgestellt. Was hat sich für die Kundschaft verändert?

Unsere Ziele waren: schnellere Entscheidungen, weniger Schnittstellen, mehr Transparenz. Wir haben unter anderem den Vertrieb von der Abwicklung getrennt und Führungsebenen reduziert. Wo früher vieles aus dem Bauch heraus entschieden wurde, arbeiten wir heute datengetrieben – zum Beispiel in der Betreuung unserer Kundschaft oder bei der Preisgestaltung. Daraus ergibt sich, dass wir heute schlagkräftiger sind, kürzere Wege haben und schneller handeln können.

In einem wachsenden Markt kann jedes Werk seinen Stahl selbst verkaufen. In einem schrumpfenden Markt zählt Nähe zur Kundschaft – dann wird ein eigener, leistungsfähiger Handel zu einem echten Pfund.

Dr. Sebastian Bross, Mitglied der Konzerngeschäftsleitung der Salzgitter AG

Mit SALCOS® investiert der Konzern enorm in die Dekarbonisierung der Produktion. Für die Märkte ergeben sich rund um grünen Stahl jedoch aktuell viele komplexe regulatorische Fragen. Wie kann der Handel hier helfen?

Mehr, als man denkt. Grüner Stahl ist die Zukunft, das steht fest. Aber die Rahmenbedingungen sind komplex. Viele Unternehmen stellen sich in diesem Umfeld derzeit ganz konkrete Fragen. Zum Beispiel: Welchen CO₂-Fußabdruck hat mein Material? Was bedeutet der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM für meine Lieferkette? Wie kann ich grünen Stahl wirtschaftlich sinnvoll einsetzen? Wir haben über unsere Abteilung Public and Regulatory Affairs und die enge Anbindung an die Werke einen großen Wissensvorsprung aufgebaut. Ein konzerneigener Händler kann diese Fragen aus erster Hand maximal authentisch beantworten – das ist ein Mehrwert für die Kundschaft, den ein unabhängiges Handelshaus in dieser Tiefe nicht leisten kann.

Wohin entwickelt sich der Stahlhandel im Konzern?

Wir müssen die gesamte Kette noch mehr als Einheit sehen – vom Hochofen und Elektrolichtbogenofen bis zum abnehmenden Unternehmen. In einem schrumpfenden Markt müssen wir permanent analysieren, wie wir diesen am besten bedienen: Wo setzen wir unser Material am profitabelsten ein? Über welchen Kanal erreichen wir Kunden am besten? Welche Geschäftsmodelle, Prozesse und Strukturen müssen wir dafür anpassen? Dafür haben wir das beste Blatt auf der Hand: ein starkes Produktionsnetzwerk, unseren leistungsfähigen Handel und die Nähe zur Kundschaft. Jetzt müssen wir die Karten nur noch ausspielen.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Zur Person

Dr. Sebastian Bross ist seit 2002 im Salzgitter-Konzern und Mitglied der Konzerngeschäftsleitung der Salzgitter AG. Er verantwortet den Geschäftsbereich Handel und führt seit Januar 2023 als Vorsitzender der Geschäftsführung die Salzgitter Mannesmann Handel GmbH, die Salzgitter Mannesmann Stahlhandel GmbH und die Universal Eisen und Stahl GmbH. Zuvor war er 13 Jahre lang Geschäftsführer der Salzgitter Flachstahl GmbH. Mit dem Wechsel von der Produktion in den Handel bringt er eine seltene Doppelperspektive mit: Er kennt die Logik der Werke ebenso wie die Anforderungen des Marktes.

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