Windkraft: Jobmotor von Nord bis Süd

04. Juni 2026 | Lesedauer: 14 Minuten
Eine neue Studie belegt, dass Offshore-Windkraft ein zentraler Wirtschaftsfaktor für ganz Deutschland ist.
Offshore-Windkraftanlagen sind nur für deutsche Küstenländer interessant. Auf den ersten Blick scheint dieser Satz zuzutreffen. In Wahrheit ist er mehr als kurzsichtig. Denn Offshore-Windkraft ist ein deutschlandweites Industrieprojekt, das bis tief in den Süden Deutschlands für Umsätze sorgt und quer durch die Republik Arbeitsplätze sichert. Zu diesem Schluss kommt die Studie „Wertschöpfung der Offshore-Windenergie in Deutschland“, die wind:research im Auftrag des Bundesverbands Windenergie Offshore e.V. (BWO) gerade erstellt hat.
Offshore-Windkraft: Zentraler Wirtschaftsfaktor und Jobmotor

Laut Studie haben in 2025 die Windenergieanlagen auf See 26,1 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Die Wertschöpfung der Offshore-Windenergie ist in Deutschland regional unterschiedlich und folgt einer klaren funktionalen Arbeitsteilung entlang der Wertschöpfungskette: Bei der Produktentwicklung, Planung und dem Betrieb dominieren Unternehmen aus Norddeutschland. Ein Großteil der Wertschöpfung, von der Stahlherstellung für Türme bis zu Software-Komponenten, findet jedoch in den Industriezentren vieler weiterer Bundesländer statt. Dies sichert Tausende qualifizierter Arbeitsplätze in Regionen wie Nordrhein-Westfalen, dem Saarland, Baden-Württemberg oder Sachsen-Anhalt. Spitzenreiter Baden-Württemberg – weitab von Nord- und Ostsee – ist mit fünf Milliarden Euro Umsatz der Spitzenreiter in der Wertschöpfungs-Rangliste.
Insgesamt halten rund 900 Unternehmen aus vielen Regionen die Windkraftanlagen auf See am Laufen; sie erwirtschafteten 2025 ein Umsatzvolumen von 14,6 Milliarden Euro, sichern so mehr als 31.500 Vollzeitstellen – und damit zukunftsweisende Arbeitsplätze. Bei Erreichen der Ausbauziele des Windenergie-auf-See-Gesetzes könnten diese Werte bis 2045 auf über 50 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und 120.000 Beschäftigte steigen. Offshore-Windenergie sichert damit hohe industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland. Die Offshore-Branche birgt das Potenzial, sich zu einer dynamisch wachsenden Industrie zu entwickeln. In einer Phase, in der zahlreiche Industriearbeitsplätze abgebaut oder ins Ausland verlagert werden, ist dies ein ermutigendes Signal.
Auch die Salzgitter AG positioniert sich als relevanter Akteur in der Wertschöpfungskette: Ihre Tochter, die Ilsenburger Grobblech GmbH, liefert Grobbleche für Offshore-Windtürme - auch in CO2-reduzierter Variante. Der Konzern gehört neben diversen anderen namhaften Unternehmen zu den Unterstützern der Studie.
Was bedeutet Offshore-Windkraft?
Der Begriff Offshore bedeutet „vor der Küste“. Offshore-Windenergie bezeichnet die Stromerzeugung durch Windenergieanlagen auf dem Meer. Ihr Vorteil: Die Winde auf dem Meer sind stärker und konstanter als an Land (Onshore). Dadurch können Offshore-Anlagen im Durchschnitt doppelt so viel Strom erzeugen wie vergleichbare Windräder auf dem Festland. Ihr Nachteil: Der Aufwand, sie zu errichten, ist deutlich größer, ihr Bau teurer. Sie sind schwerer zu erreichen und zu warten. Daher werden die Offshore-Windkraftanlagen in Form großer Windparks oder Windpark-Cluster errichtet. Solche Anlagen können über hundert Windräder umfassen. In flacheren Gewässern werden die Windräder fest im Meeresboden verankert oder aber als schwimmende Plattformen in tiefen Gewässern eingesetzt. Der generierte Strom gelangt über Seekabel an Land. Ein Großteil der Offshore-Windparks in Deutschland steht in der Nordsee, aber es gibt auch einige Anlagen in der Ostsee. In Deutschland wird Offshore-Windenergie vor allem außerhalb der 12-Seemeilen-Zone gewonnen. Deutschland gehört zu den Ländern mit der meisten installierten Offshore-Windenergieanlagenleistung. Spitzenreiter ist China.
Gegenwind für heimische Offshore Wertschöpfungskette

Offshore-Windenergie - das ist eine bundesweite Erfolgsgeschichte. Aber die Studie warnt: Der verzögerte Ausbau der vergangenen Jahre habe dazu geführt, dass Deutschland gegenüber dynamischeren Märkten zeitweise an Tempo verloren hat. Damit seien nicht nur industrielle Wertschöpfung, sondern auch Kapazitäten entlang der Wertschöpfungskette unter Druck geraten. Es gibt reichlich Gegenwind für die Branche. Der Ausbau stockt. Unternehmen wünschen sich mehr Planungssicherheit für ihre Ausbaupfade. Gleichzeitig investiert China massiv in Windkraft und erhöht damit den Wettbewerbsdruck für Windkraftzulieferer hierzulande. Importe zentraler Offshore-Komponenten nehmen zu, teilweise zu sehr niedrigen Preisen. Dies erhöht den Druck auf europäische Hersteller zusätzlich. Insbesondere staatlich geförderte Überkapazitäten außerhalb Europas können zu Wettbewerbsverzerrungen führen und die wirtschaftliche Basis der heimischen Industrie schwächen.
Bei Auktionen für Windparks an der Nordseeküste fanden sich zuletzt keine Bieter. Die Kritik: Wer zusätzlichen Strom ins Netz einspeise, verdiene daran so wenig, dass sich die Investitionen nicht mehr rechnen. Insolvenzen einzelner Marktteilnehmer und einen sinkenden Spezialisierungsgrad wertet die Studie als weitere Indizien dafür, dass die Branche unter Zugzwang steht. Laut Bundesverband Wind Offshore wird das Ausbauziel für die Offshore-Windenergie in Deutschland von 30 Gigawatt installierter Leistung bis 2030 um mehr als ein Drittel verfehlt. Zumal nun auch noch der französische Energiekonzern TotalEnergies laut Berichten von NDR und „Süddeutscher Zeitung" aus Windparks in der Nord- und Ostsee aussteigen möchte. TotalEnergies wolle bereits reservierte Flächen zurückgeben, berichteten die Medien unter Berufung auf ein internes Positionspapier des Unternehmens. Das hätte weitreichende Folge für den Ausbau der Windkraft zur See und gravierende Folgen für die Energiewende. Denn die dort geplanten Windräder sollten künftig insgesamt 7,5 Gigawatt Strom liefern. Als Grund führt das Unternehmen die Verzögerungen im Netzausbau und Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen an. Das Bundeswirtschaftsministerium habe, so die SZ, nach dem aktuellen Stand Mitte Mai „keinen Grund, an der Realisierung zu zweifeln.“
Klar ist allerdings, dass die Branche dringend mehr Rückenwind braucht. Laut BWO-Studie müssen bürokratische Hemmnisse abgebaut, Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt und der Windpark- und Netzausbau besser synchronisiert werden. Die Windindustrie hofft zudem auf gezielte Risikoteilung zwischen Staat und Investoren: Zweiseitige Contracts for Difference (CfD) legen einen festen Preis pro erzeugter Megawattstunde Strom im Ausschreibungsverfahren fest. Liegt der Marktpreis darunter, zahlt der Staat die Differenz an den Betreiber; ist er höher, erhält der Staat vom Betreiber den Mehrerlös. Großbritannien hat mit diesem System bereits gute Erfahrungen gemacht. Vor allem aber sollten die industriellen Fertigungs- und Lieferkettenkapazitäten in Deutschland und Europa konsequent gesichert werden.
Offshore-Windkraft in Deutschland macht souveräner

„Wir brauchen die Offshore-Windkraft nicht nur als zentralen Wirtschaftsfaktor und Arbeitsplatzmotor“, sagt Thorsten Gintaut, Geschäftsführer bei der Ilsenburg Grobblech GmbH. „Sie ist auch ein zentraler Baustein der Energiewende und dringend notwendig, damit wir uns künftig im Energiesektor souveräner positionieren.“ Windenergie auf der See erhöhe die Resilienz Deutschlands und die Versorgungssicherheit. Es sei besorgniserregend, wenn die inländische Wertschöpfung in diesem Bereich weiter absinke. Ohne industriepolitische Steuerung drohe Deutschland zum reinen Montagestandort für ausländische Produkte zu werden. Langfristig besteht die Gefahr, dass ein Großteil der mit Offshore-Wind verbundenen Investitionen ins Ausland abfließt, anstatt Beschäftigung und Wohlstand in Deutschland zu sichern. Hinzu komme, dass mehr Windenergiekapazitäten gebraucht werden, damit der grüne Strom für die Produktion von grünem Wasserstoff zur Verfügung stehe. Dieser wird zum Beispiel für die CO2-arme Stahlproduktion dringend gebraucht.
Zukunftstechnologie: Expertise für Windenergie sichern

Laut Windenergie-auf-See-Gesetz soll die installierte Windkraft-Leistung von knapp 10 GW (Ende 2025) auf wenigstens 30 GW bis 2030 und auf mindestens 70 GW bis 2045 steigen. Entscheidend sei aber nicht nur, dass gebaut wird, sondern auch wer baut und wer zuliefert, erklärt Jörn Klare, Experte für Außenhandelspolitik, Märkte und Statistik bei der Salzgitter AG. „Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die handelspolitische Flankierung an Bedeutung und kann dazu beitragen, Wettbewerbsverzerrungen zu begrenzen und die heimische Wertschöpfung zu sichern.“ Andernfalls würden Aufträge für Komponenten wie Grobblech zunehmend nach Asien vergeben. Ohne gezielte industriepolitische Maßnahmen könnte Deutschland, so Klare, seine technologische Souveränität auf diesem Gebiet einbüßen und an Expertise für eine wichtige Zukunftstechnologie verlieren.
Salzgitter AG: Wind-Power für Stahl
Es ist eine zirkuläre Wertschöpfungsgeschichte: Die Offshore-Wind-Branche braucht Stahl für die Türme und Fundamente ihrer Anlagen auf hoher See – und die Salzgitter AG liefert ihn. Im vergangenen Jahr beispielsweise versorgte der Konzern Siemens Gamesa für den Offshore-Windpark “Thor” mit Stahl für 36 Windtürme. Gleichzeitig spielt Wind – aus Onshore- und Offshore-Quellen – eine wichtige Rolle für SALCOS®, das Transformationsprogramm des Unternehmens, und die CO2-arme Stahlproduktion. Weil sich die Salzgitter AG zum Ziel gesetzt hat, bis 2030 ausschließlich Grünstrom zu verwenden, hat der Konzern neben sieben eigenen Windkraftanlagen auf dem Werksgelände langfristige Direktlieferverträge – sogenannte Power Purchase Agreements (PPAs) – mit erneuerbaren Energieanlagen geschlossen. So hat die Salzgitter AG zum Beispiel auch mit Deutschlands größtem Offshore-Windpark Nordlicht einen direkten Grünstromliefervertrag vereinbart. Ab der geplanten Fertigstellung im Jahr 2028 bezieht das Unternehmen 15 Jahre lang jährlich rund 300 Gigawattstunden (75 Megawatt Anschlussleistung) aus dem Offshore-Windpark „Nordlicht 1“. Durch die unterschiedlichen Partner kann der Konzern das Risiko streuen und die Versorgungssicherheit erhöhen.
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