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Energiesouveränität: strategisch notwendig, industriell anspruchsvoll

19. August 2026 | Lesedauer: 14 Minuten

Welchen Preis hat die Energiesouveränität für die Stahlindustrie? Eine Einordnung von Alfred Hoffmann, Leiter Energiestrategie der Salzgitter AG.

Das Wichtigste in Kürze

  • Energiesouveränität heißt: Energieversorgung unabhängiger, resilienter und weniger anfällig für geopolitische Einflussnahme zu gestalten.
  • Für die Stahlindustrie ist das entscheidend, weil Versorgungssicherheit, Klimaneutralität und Wirtschaftlichkeit gleichzeitig erreicht werden müssen.
  • Mit der Transformation von kohlebasierter Hochofenroute auf wasserstoffbasierte Direktreduktion verändert sich der Energiemix der Salzgitter AG grundlegend.
  • Erneuerbarer Wasserstoff ist bislang nicht zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar; importierter Wasserstoff außerdem immer noch deutlich teurer als am Erzeugungsort.
  • Die Salzgitter AG setzt deshalb auf Diversifizierung und Flexibilität.

Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit: Wir haben klare Vorstellungen davon, was Souveränität auf staatlicher Ebene bedeutet. Aber wie funktioniert das beim Thema Energie? Selten war Energiepolitik so herausfordernd wie heute. Sie entscheidet darüber, wie unabhängig Europa handeln kann – und ob energieintensive Industrien auch künftig in Deutschland wettbewerbsfähig produzieren können. Für die Stahlindustrie ist Energiesouveränität daher kein abstraktes Schlagwort, sondern eine existenzielle Frage: Woher kommen künftig Strom und Wasserstoff, zu welchen Kosten – und mit welcher Versorgungssicherheit?

Mit dem Begriff der Energiesouveränität wird die Fähigkeit eines Landes bezeichnet, seine Energieversorgung unabhängig aufzustellen und das Risiko von geopolitisch-motivierten Einwirkungen möglichst zu minimieren. Denn im Zeitalter der Geoökonomie, in der andere Staaten ihre Ressourcen und Rohstoffe als Machtmittel einsetzen, macht uns einseitige Abhängigkeit erpressbar. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, geopolitische Spannungen im Nahen Osten und historische Erfahrungen wie die Ölkrisen der 1970er-Jahre zeigen, wie verwundbar energieabhängige Volkswirtschaften sein können.

Die Folgen reichen von explodierenden Energiepreisen über sinkende Wachstumsraten bis hin zu gesellschaftlichen Unruhen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Europa mehr Energiesouveränität braucht. Die entscheidende Frage ist, wie wir sie so organisieren, dass industrielle Wertschöpfung und Klimaschutz erhalten bleiben.

Deshalb ist es wichtig und richtig, dass wir die Energiewende in Europa konsequent weiterverfolgen: Der Anteil erneuerbarer Energien im deutschen Stromsektor erreichte 2025 einen Wert von 55,1 Prozent. Der Ausbau der Erneuerbaren hat sich als wirksamster Hebel für Deutschlands Energiesouveränität erwiesen. Wir sollten alles daransetzen, den Anteil der Erneuerbaren weiter zu erhöhen, um uns von fossilen Energieträgern unabhängiger zu machen und damit unsere Energiesouveränität zu stärken.

„Energiesouveränität bezeichnet die Fähigkeit eines Landes, seine Energieversorgung möglichst unabhängig und selbstbestimmt zu gestalten und so seine politische Erpressbarkeit zu verringern. Deutschland steht dabei im Spannungsfeld aus Souveränität, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit.“

Alfred Hoffmann, Leiter Energiestrategie der Salzgitter AG

Energiesouveränität hat ihren Preis

Strom, Wasserstoff und Erdgas sind in Europa strukturell teurer als in anderen Regionen der Welt. Und auch die zum Transport und zur Verteilung notwendige Infrastruktur muss teilweise erst aufgebaut werden.

Für die Salzgitter AG bedeutet das konkret: Unser Transformationsprogramm SALCOS® verändert unseren Energiemix fundamental – wir verabschieden uns von der Kohle und werden auf dem Weg zur Klimaneutralität künftig große Mengen an Strom und Wasserstoff brauchen.

In der politischen Debatte wird ein strukturelles Problem, das mit diesem Wechsel der Energieträger in der Stahlindustrie gerade neu entsteht, teilweise noch zu wenig adressiert. Die traditionell genutzte Kokskohle ließ sich nicht nur günstig transportieren, man zahlte für sie auch weltweit – also auch unsere internationalen Wettbewerber – vergleichbare Preise. Für Erdgas und besonders für Wasserstoff gilt das nicht: Insbesondere Letzterer muss erst einmal verflüssigt bzw. in Ammoniak synthetisiert und dann aufwendig transportiert werden. Das Ergebnis: Wer Wasserstoff – aber auch Erdgas – auf dem Seeweg importiert, zahlt am Werkstor das Zwei- bis Dreifache des Preises. Beide Energieträger haben eine sehr geringe sogenannte volumetrische Energiedichte.

Unsere Antwort auf diese Herausforderung ist Diversifizierung. Um unsere Versorgungssicherheit zu stützen, setzen wir auf drei Energiezugänge: Wir beziehen grünen Strom über eine neue 380-kV-Stromanbindung und haben bereits große erneuerbare Strommengen über Direktverträge mit Entwicklern von Solar- oder Windparks (sogenannte Power Purchase Agreements (PPA) eingekauft; wir nutzen Erdgas als Brückentechnologie für das laufende und nächste Jahrzehnt, produzieren selbst kleine Mengen an Wasserstoff vor Ort und beziehen ab 2030 größere Mengen Wasserstoff über das deutsche Wasserstoffkernnetz. Drei Energieträger bedeuten drei unabhängige Versorgungspfade. Dabei ist in Europa erzeugter Wasserstoff ein wichtiger Baustein – denn in Deutschland und in Europa gibt es keine Straße von Hormus. Gerade haben wir mit EWE einen Liefervertrag für grünen Wasserstoff aus einer Elektrolyseanlage in Emden abgeschlossen. Damit unterstützen wir aktiv den Wasserstoffhochlauf in Deutschland.

Flexibilität senkt die Kosten

Wir versuchen, Souveränität mit Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen: Wir nutzen eigene Flächen für Windkraft- und Solaranlagen. Wir drosseln mit Energieeffizienzmaßnahmen unseren Verbrauch. Vor allem aber wollen wir flexibler werden. Im Jahr 2025 gab es so viele Null- und Negativpreisstunden im deutschen Strommarkt wie noch nie. Der Preisunterschied zwischen den teuersten und günstigsten 6000 Stunden liegt bei über 40 Prozent. Wer seine Produktion in günstige Stunden verschieben kann – wer Elektrolichtbogenöfen in Hochpreisphasen herunterfährt, wer mit Batteriespeichern Spitzen kappt, wer Revisionen in teure Stunden legt –, der gewinnt einen echten Kostenvorteil ohne externe Hilfe. Wir arbeiten an alldem.

Dennoch wird das nicht reichen. Wenn wir – auch aus Gründen der Souveränität – die Stahlproduktion in Deutschland halten wollen, dann brauchen Unternehmen wie die Salzgitter AG politischen Flankenschutz. Daraus folgen drei politische Prioritäten:

1. Wir müssen die erneuerbaren Energien weiter ausbauen

Sonnenenergie, Wind- und Wasserkraft sind die einzigen Energiequellen, die wir in Deutschland und in Europa in relevanten Mengen verfügbar haben – und sie rechnen sich umso mehr, je stärker es uns gelingt zu skalieren. Stichworte: Innovation, Größenvorteile und Mengenvorteile. Sie machen uns nicht nur unabhängiger, sie tragen auch zur Nachhaltigkeit bei. Der Anteil der Energieimporte an der Primärenergieversorgung wird bis 2050 von aktuell 70 % auf 27 % sinken, rechnet die Energieberatung DNV 2025 vor. Carsten Schneider, Bundesminister für Umwelt und Klimaschutz, nannte die Erneuerbaren daher im Bundestag Anfang 2026 nicht ohne Grund „Sicherheitsenergien“, die uns „vor der Erpressung durch andere Länder“ schützen. 

2. Wir sollten die europäische Vielfalt nutzen

Seit einiger Zeit wird auch in Deutschland der Ruf nach Kernenergie wieder laut. Meines Erachtens eine überflüssige Diskussion. Neue Kernkraftwerke in Deutschland zu errichten wäre schlicht zu teuer, wie die Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigen. Deren Strom wäre nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE deutlich kostspieliger als die Energie aus erneuerbaren Quellen. Aber wir denken noch zu stark in unseren nationalen Grenzen. Dabei spielt uns die europäische Vielfalt in Sachen Energiewirtschaft in die Hände: Erneuerbare Energien und Langfristspeicher in Deutschland, Kernenergie in Frankreich, Wasserkraft in Skandinavien. Diese europaweite Diversität ist eine Stärke, die uns als Kontinent resilienter machen kann. Beim Betrieb des Stromübertragungsnetzes ist das bereits seit Jahrzehnten bewiesene Stärke.

3. Unser Infrastrukturansatz gehört auf den Prüfstand

Trotz wirtschaftlicher Nöte leisten wir uns in Deutschland nach wie vor beim Thema Energie viel Komfort: Wir errichten Infrastruktur für drei parallele Energieträger. Oder wir verlegen Erdkabel, obwohl oberirdische Verbindungen deutlich günstiger wären. Wir streben höchste Versorgungssicherheit für jeden Kunden an, obwohl sie vielleicht gar nicht jeder benötigt. Länder wie Dänemark akzeptieren anders als wir sichtbare Offshore-Windanlagen in Küstennähe. Ihr Vorteil: Sie profitieren von günstigeren Energiepreisen. Bei den Diskussionen über unsere Energiepreise sollten wir solche Abwägungen künftig transparenter machen und verdeutlichen, dass Komfort immer seinen Preis hat. 

Die Nagelprobe: Wie wichtig ist uns die Stahlindustrie?

Die Störungen der Lieferketten infolge geopolitischer Krisen haben gezeigt, dass Europa eine resiliente und unabhängige Stahlproduktion braucht. Gleichzeitig bleibt klar: Klimaschutz ist kein Nebenziel, sondern der Ausgangspunkt der Transformation – und weiterhin breiter gesellschaftlicher Konsens. Die Frage ist daher nicht, ob wir die Industrie dekarbonisieren, sondern wie wir Klimaneutralität, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam erreichen. Soll die europäische Stahlindustrie konkurrenzfähig bleiben, braucht sie regulatorische Planungssicherheit und wettbewerbsfähige Energiepreise. Langfristig muss erneuerbarer Wasserstoff wirtschaftlich verfügbar sein. Wer Transformationsziele jetzt grundsätzlich infrage stellt, schwächt Klimaschutz und Energiesouveränität zugleich – und benachteiligt Unternehmen, die bereits in die Transformation investieren.

Die Konsequenz reicht über die Energiefrage hinaus: Ohne Energiesouveränität gibt es keine Souveränität in den nachgelagerten Wertschöpfungsstufen – und damit keinen selbstbestimmten Industriestandort.

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