Die große Renovierung: Mit Stahl gegen Deutschlands Stillstand

03. März 2026 | Lesedauer: 11 Minuten
500 Milliarden für eine stabile Zukunft: Wie wir mit dem Sondervermögen die Infrastruktur wieder aufmöbeln und klimafreundlicher wirtschaften. Und welche Rolle Stahl dabei spielt.

Geht doch: Am 22. Dezember 2025 durchschnitt Kanzler Friedrich Merz um 12:03 Uhr das Band zum ersten Teilstück der neuen Rahmedetalbrücke auf der A45. Tausende Tonnen Stahl stecken allein in diesem Brückenabschnitt, vier Jahre dauerte die Bauzeit – und damit ein Jahr weniger als anfänglich geplant. Geschwindigkeit, die sich auszahlt: Die vorgezogene Eröffnung der Stahlverbundbrücke erspart der Region nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zusätzliche ökonomische Schäden in Höhe von bis zu 300 Millionen Euro.
Wie wichtig eine intakte Infrastruktur für die Wirtschaftskraft eines Landes ist, zeigte sich auch in diesem Fall, als sie bröckelte: Allein die Sperrung der Autobahnbrücke bei Lüdenscheid verursachte Kosten von 1,5 Milliarden Euro – ausgelöst durch Staus und Umleitungen. Aber auch weil die schlechte Erreichbarkeit der Region den Einzelhandel und die Gastronomie vor Ort schwächte.
Versöhnliches Ende eines jahrelangen Ärgernisses – und für Gunnar Groebler, CEO der Salzgitter AG, doppelter Fingerzeig für Zustand und Zukunft des Standorts Deutschland: „Zum einen ist es höchste Zeit für die große Renovierung unserer Infrastruktur. Zum anderen macht diese Mammutaufgabe deutlich: Ohne Stahl steht Deutschland still.“
Wo Deutschland jetzt aufreißen, verstärken, bauen muss
Lüdenscheid ist überall: Deutschlands Infrastruktur ist nicht nur bei den Brücken an der Belastungsgrenze, das physische Betriebssystem des Landes bröselt und bröckelt, knarzt und knirscht an allen Ecken und Enden. Allein 16.000 Brücken müssen im Fernverkehrsnetz ersetzt oder zumindest verstärkt werden, schätzt die Organisation Transport & Environment (T&E). Die Engpässe auf Straßen und Schienen belasten die Wirtschaft: In einer Umfrage des IW aus dem Frühjahr 2025 gaben 84 Prozent der befragten Unternehmen an, durch mangelhafte Verkehrswege beeinträchtigt zu sein.
Auch die Energieinfrastruktur – allen voran das Strom- und Wasserstoffnetz, aber auch Windkraftanlagen – und Gebäude wie Krankenhäuser, Schulen und Sporthallen leiden unter einem massiven Sanierungsstau.
aller befragten Unternehmen
kritisieren mangelhafte Verkehrswege
Jahrzehntelang von der Substanz gelebt
Es rächt sich nun, dass wir zu lange von der Substanz gezehrt haben: Nach der Bahnreform Mitte der 1990er-Jahre blieben Schienennetz und Zugflotte über Jahrzehnte unterfinanziert. Im Straßen- und Brückenbau floss das Geld vor allem in Neubauten; für die Instandhaltung blieben zu wenig Mittel übrig – sträflich bei einer Infrastruktur, die vielfach aus der Zeit von 1960 bis 1985 stammt und durch den zunehmenden Schwerlastverkehr viel stärker in Anspruch genommen wird als ursprünglich vermutet. Höchste Zeit, dass das 500-Milliarden-Sondervermögen nun die Infrastruktur wieder in Form bringt.
Stahl: 2.500 Sorten mit Systemrelevanz
Auch wenn sich die Debatte vornehmlich um Beton, Budgets und Bürokratie dreht – klar ist: Der Stoff, ohne den das Infrastrukturpaket nicht umgesetzt werden kann, heißt Stahl. Denn ohne Stahl keine Brücke. Kein Strommast. Keine Schulsporthalle. Kein Windpark. Keine Schiene. Kein Rechenzentrum. Stahl ist nicht nur der Grundpfeiler für Brücken; er stärkt Tunnel und Lärmschutzwände genauso wie er Teil der Baumaschinen ist, die diese hervorbringen. Stahlstützen und -streben verleihen großen Gebäuden Stabilität. Wird Stahl verbaut, erhöht das die Langlebigkeit von Bauwerken; der Erhaltungsaufwand verringert sich. Für eine resiliente und sichere Zukunft der deutschen Infrastruktur ist Stahl daher ein entscheidender Werkstoff. Mehr als 2.500 Stahlsorten kommen dabei zum Einsatz – für Drähte, Coils, Grobbleche, Träger, Stangen, Rohre oder Schienen.
Aber die Eisen-Kohlenstoff-Legierung ist weit mehr als ein physischer Werkstoff. Sie ist die industrielle Basis ganzer Wertschöpfungsketten und damit eine Grundlage für den Erfolg anderer Industriebranchen in Deutschland – vom Maschinenbau über die Automobilindustrie, von Energie und Infrastruktur bis hin zur Rüstungsindustrie
Rund 80.000 Menschen arbeiten in Deutschland in der stahlerzeugenden Industrie. Gut vier Millionen Beschäftigte sind in stahlintensiven Branchen tätig. Heißt: Gut zwei Drittel aller Industriearbeitsplätze in Deutschland haben eine Verbindung zum Stahl. „Das Fundament für ein starkes Deutschland ist eine starke Industrie und im Besonderen die Stahlindustrie“, bestätigte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil beim Stahlgipfel. „Eine Industrie, die für Resilienz sorgt.“
Heimische Produktion für stabile Lieferketten
Wie wichtig die heimische Stahlproduktion für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist, haben Wirtschaftswissenschaftler der Universität Mannheim berechnet: Ohne heimische Stahlproduktion drohen der deutschen Wirtschaft bis zu 50 Milliarden Euro jährlicher Wertschöpfungsverlust; etwa dann, wenn außereuropäische Anbieter wie China ihre Ausfuhren drosseln würden. „Wirtschaftliche Resilienz für Deutschland und Europa setzt eine starke deutsche Stahlindustrie voraus, die zeitnah und breit auf klimafreundliche Produktion umstellt“, so das Fazit der Studie. Die Frage nach verlässlichen, langlebigen und in Europa verfügbaren Werkstoffen ist daher von zentraler politischer Bedeutung.
Klimaschutz: Grüner Stahl für grüne Infrastruktur
Stahl ist aber nicht nur Stabilisator – Stahl kann als Motor die Dekarbonisierung Deutschlands beschleunigen. Vorausgesetzt, wir bauen klimafreundlich, ressourcenschonend und mit emissionsarmem Stahl. Eine klimaneutrale Stahlindustrie in Deutschland bedeutet rund 30 Prozent weniger Industrieemissionen.

Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz ist demnach eine gute Chance, die Nachfrage und den Einsatz von klimafreundlichem, heimischem Stahl anzukurbeln – und damit die Dekarbonisierung der Stahlindustrie in Deutschland voranzutreiben. Denn das Sondervermögen kann einen Nachfrageimpuls für emissionsarme Stähle setzen und die heimische Stahlproduktion stärken. Zumal Stahl aus lokaler Produktion Abhängigkeiten von globalen Lieferketten auflöst, Versorgungssicherheit schafft und industrielle Arbeitsplätze sichert.
Gunnar Groebler,
Salzgitter CEO
„Die 500 Milliarden Euro für Deutschlands Infrastruktur werden nur dann zu einer Investition in die Zukunft, wenn klare wettbewerbliche Vergabekriterien gelten, die heimische Wertschöpfung fördern – und wenn Qualität, Langlebigkeit und CO2-Bilanz der eingesetzten Materialien überzeugen“, sagt Salzgitter-CEO Gunnar Groebler. Nun bietet ein klimafreundlich geschnürtes Infrastrukturpaket der Bundesregierung eine historisch einmalige Gelegenheit, die heimische Wirtschaft massiv zu stärken und gleichzeitig die eigenen Klimaziele schneller zu erreichen.
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