Das Magazin der Salzgitter AG
Beitrag

Energiebeschaffung bei der Salzgitter AG: Im Takt der Transformation

Mehrere Windräder vor einer Stadtlandschaft bei Sonnenuntergang, überlagert von Liniengrafiken und Datenpunkten zur Darstellung erneuerbarer Energie.

07. Oktober 2026 | Lesedauer: 14 Minuten

Ralph Schaper und sein Team beschaffen für die Salzgitter AG Strom und Gas im 15-Minutentakt. Ein Blick hinter die Kulissen der Energiezentrale zeigt, wie die Energiebeschaffung des Konzerns funktioniert und wie die Transformation Schapers Arbeit verändert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ralph Schaper beschafft mit seinem Team Strom und Gas für 15 Standorte der Salzgitter AG.
  • Von den künftig benötigten 3 Terawattstunden Strom sind bereits 1,7 Terawattstunden über langfristige Grünstromverträge (PPAs) abgesichert.
  • Der PPA-Mix aus Photovoltaik und Offshore-Wind wird nach ökologischen und wirtschaftlichen Kriterien optimiert.
  • Am Ende der Transformation steht ein radikal verändertes System – ohne Hochöfen, ohne Kuppelgase, mit grünem Strom und Wasserstoff als tragenden Säulen. 

Mehrere Bildschirme, Echtzeitdaten von vier verschiedenen Energiemärkten und eine Abteilung, die ständig besetzt ist: In der Energiezentrale der Salzgitter AG handelt das Team im 15-Minutentakt. Unter das Stimmengewirr aus Telefongesprächen mischen sich die Klicks der PC-Mäuse und das Klappern der Tastaturen. „Früher haben wir einmal im Jahr einen Strompreis festgelegt“, sagt Ralph Schaper. „Heute beschaffen wir die Energie über individuelle Langfristverträge sowie an Termin-, Spot-, Intraday- und Ausgleichsenergiemärkten für jede einzelne Viertelstunde im Jahr zu teilweise extrem unterschiedlichen Preisen.“ 

Seit 24 Jahren leitet Schaper die Energiewirtschaft der Salzgitter Flachstahl. Mit seinem Team sorgt er dafür, dass Strom, Gas und Wärme genau dann da sind, wenn Hochofen, Walzwerk oder auch Elektrolichtbogenofen bei der Tochter Peiner Träger sie brauchen. Rund um die Uhr, an 15 Standorten. Und durch die Transformation kommen bald die Direktreduktionsanlage, Elektrolichtbogenöfen und Elektrolyse in Salzgitter hinzu. Dann gibt die Transformation einen neuen Takt vor.

Die Energiebasis bei der Salzgitter AG ist historisch gewachsen: Große Mengen Kokskohle gehen jährlich in die Kokerei, werden dort zu Koks und wandern in die Hochöfen. Dabei entstehen Kuppelgase – Koks-, Hochofen- und Konvertergas –, die die Salzgitter AG in ihrem integrierten Hüttenwerk intern weiterverteilt: zur Beheizung der Kokerei, ins Warmwalzwerk und, was übrigbleibt, ins eigene Kraftwerk. Dieses erzeugt daraus Strom und Wärme. Letztere versorgt unter anderem den Stadtteil Salzgitter-Lebenstedt mit Fernwärme.

Zusätzlich bezieht der Konzern rund zwei Terawattstunden Erdgas pro Jahr sowie extern zugekauften Strom. Mit dem Transformationsprogramm SALCOS® ändert sich dieses Bild grundlegend: Die Kohle nimmt ab, der Strombedarf steigt – auf rund 2,5 Terawattstunden in der ersten Ausbaustufe von SALCOS®. Zum Vergleich: Die gesamte benachbarte Stadt Braunschweig verbraucht etwa 1,5 Terawattstunden im Jahr. 

Was ist Energiebeschaffung?

Energiebeschaffung bezeichnet den strategischen Einkauf von Strom, Gas und zunehmend Wasserstoff für industrielle Großverbraucher. Anders als bei Haushalten oder kleinen Betrieben, die Standardtarife nutzen, steuern energieintensive Unternehmen wie die Salzgitter AG ihre Beschaffung aktiv: Sie analysieren Lastprofile, beobachten Märkte in Echtzeit und entscheiden in kurzen Intervallen, wann sie zu welchem Preis auf welchem Markt einkaufen.

Wie der Salzgitter-Konzern den wachsenden Strombedarf deckt

Der Bedarf wächst, der Markt ist volatil – und trotzdem braucht die Salzgitter AG Planungssicherheit. Den Großteil des künftigen Strombedarfs deckt das Unternehmen deshalb über PPAs. Von den künftig benötigten 3 Terawattstunden sind bereits 1,7 Terawattstunden über PPAs abgesichert.

Das Ziel: mindestens 50 Prozent des Konzernstroms sollen grün sein, für die Elektrolyse und den Elektrolichtbogenofen sogar 100 Prozent – so schreiben es die Förderbedingungen der SALCOS®-Finanzierung vor. „Wenn wir den Strom für SALCOS® aus Kohlekraftwerken einkaufen würden, wäre unsere CO₂-Bilanz deutlich schlechter als auf der heutigen Hochofenroute“, sagt Schaper. „Deshalb machen wir das mit einem verlässlichen und als 100 % grün anerkannten Beschaffungsinstrument – dem PPA.“

Wie setzt sich das PPA-Portfolio der Salzgitter AG zusammen?

Die Salzgitter AG setzt auf einen durchdachten Mix: Dafür hat sie mehr als 650 Hektar Photovoltaik-Parks unter Vertrag sowie drei große Offshore-Windparks. Das ist nicht nur ökologisch, sondern vor allem wirtschaftlich sinnvoll.

„PV-Strom ist im absoluten Preis günstiger. Aber die Anlagen produzieren nur tagsüber. Offshore-Energie ist teurer, liefert aber auch nachts und im Winter.“ Schaper und sein Team simulieren den gesamten Verbrauch auf Viertelstundenbasis für ein ganzes Jahr im Voraus und optimieren den Energie-Mix nach Bedarf und Kosten. „Wir geben Preise und Mengen ins Modell ein. Das gibt dann aus, was wir noch brauchen. Immer unter der Annahme, dass Sonne und Wind so scheinen und wehen wie im Durchschnitt der letzten zehn Jahre.“

Wenn die Sonne stark scheint und der Strompreis an der Börse ins Negative fällt, lehnt das Team den PPA-Strom bewusst ab: Die Salzgitter AG zahlt dann zwar dennoch den vereinbarten Festpreis, kauft aber gleichzeitig günstiger an der Börse ein – und erhält dort aufgrund der negativen Börsenpreise obendrein noch Geld dazu. Schaper: „Das klingt paradox, aber so funktioniert der Markt.“ Ab einem definierten Preisdeckel wird wiederum gar nicht mehr beschafft: In seltenen Fällen bedeutet das, dass energieintensive Anlagen wie der Elektrolichtbogenofen in Peine für Stunden heruntergefahren werden.

Das neueste PPA geht noch einen Schritt weiter: Es kombiniert Photovoltaik mit einem Batteriespeicher. Damit lässt sich tagsüber erzeugter Überschussstrom aus Photovoltaikanlagen in die Abendstunden verschieben, wenn er ein Vielfaches wert ist.

Beschaffungsmodelle im Vergleich

Industrieunternehmen können Energie auf unterschiedlichen Wegen einkaufen: über eine Vollversorgung zum Festpreis (einfach, aber unflexibel), per Tranchenmodell (gestückelte Einkäufe über das Jahr verteilt), über Stichtagsbeschaffung (ein Einkauf zu einem festgelegten Zeitpunkt) oder direkt am Spot- und Terminmarkt (maximale Flexibilität, aber höheres Risiko). Die Salzgitter AG kombiniert mehrere Wege und ergänzt sie um sogenannte Power Purchase Agreements – kurz PPAs: langfristige Direktlieferverträge mit Betreibern erneuerbarer Energieanlagen zu einem festen Preis pro Kilowattstunde. Diese Mischstrategie verbindet Preis- und Versorgungssicherheit mit ökologischer Qualität.

Was bedeutet die SALCOS®-Transformation für die Energiebeschaffung?

Der Übergang ist die anspruchsvollste Phase. Solange noch Hochöfen laufen, erzeugen sie Kuppelgase, die sofort verwertet werden müssen, da sie sich nicht speichern lassen. Der größte Gasometer auf dem Werksgelände fasst 120.000 Kubikmeter: Bei drei laufenden Hochöfen ist er in sechs Minuten voll. „Das ist kein Puffer, das ist nur ein Druckausgleich“, sagt Schaper.

Wenn die Hochöfen schrittweise abgeschaltet werden, entfällt diese interne Gasversorgung. Das Gasnetz muss aber trotzdem unter Druck gehalten werden – im Zweifel durch Erdgaseinblasung. Gleichzeitig steigt die Komplexität der Strombeschaffung, und es kommt eine völlig neue Aufgabe hinzu: die tagesaktuelle Steuerung des Wasserstoff-Erdgas-Mixes in der Direktreduktionsanlage.

Wasserstoff – aus der eigenen 100-Megawatt-Elektrolyse und über einen ersten Liefervertrag – ist bislang auf rund 5.000 Benutzungsstunden im Jahr ausgelegt. „In weiteren rund 3.800 Stunden haben wir keinen Wasserstoff“, sagt Schaper. Dann springt Erdgas ein. Welche Stunden das sind, weiß er erst am Vortag – nach dem Spotmarkthandel. Jede Abweichung vom Fahrplan zieht teure Ausgleichsenergie nach sich.

„Wasserstoff, Strom und Erdgas sind kommunizierende Röhren“, sagt Schaper. „Die müssen wir gleichzeitig bedienen.“ 

Aktuelle Debatte um den Industriestrompreis

„Wir rechnen jeden PPA, jeden Elektrolyse-Betrieb und jede Beschaffungsstrategie gegen den aktuellen Strompreis“, sagt Schaper. „Wenn der Preis nicht stimmt, stimmt die ganze Kalkulation nicht.“ Die Frage, was Strom für die energieintensive Industrie kosten darf, ist 2026 politisch umstrittener denn je. Deutschland hat im europäischen Vergleich hohe Stromgestehungskosten und Netzentgelte – ein Standortnachteil für Unternehmen wie die Salzgitter AG, die ihren Strombedarf durch die Transformation vervielfacht. Die Debatte um einen staatlich subventionierten Industriestrompreis betrifft auch die Wirtschaftlichkeit der Wasserstofferzeugung per Elektrolyse. Für Schapers Team bedeutet das: Jede politische Entscheidung in Berlin oder Brüssel landet früher oder später als Zahl auf einem ihrer Bildschirme.

Wie sieht die Energieversorgung der Salzgitter AG in Zukunft aus?

Am Ende der Transformation steht ein grundlegend verändertes Energiesystem: keine Hochöfen mehr, keine Kokerei, kein täglicher Balanceakt mit Kuppelgasen, die sofort weiterverwertet werden müssen. Stattdessen prägen Direktreduktion mit Wasserstoff und Elektrolichtbogenöfen, gespeist mit grünem Strom, die künftige Stahlproduktion – ebenso wie die weiteren Anlagen, beispielsweise im Walzwerk oder in der Feuerverzinkung. Für Schaper bedeutet das vor allem: mehr Steuerbarkeit. Heute hängt der Betrieb an einem komplexen Zusammenspiel aus unterschiedlichen Energieträgern, Anlagen und Nebenprodukten, bei dem alles gleichzeitig funktionieren muss. Künftig wird das System schlanker: „Perspektivisch wird es weniger komplex – aber nicht weniger anspruchsvoll.“

Verwandte Themen
Ähnliche Beiträge entdecken
Montage im Stil einer Luftaufnahme. Zeigt eine Landschaft mit großflächigen Solarmodulen im Vordergrund, mehreren Windkraftanlagen auf bewaldeten Hügeln und einem Wasserkraftwerk mit Staudamm und Stausee im Hintergrund.

19.08.26 | Beitrag

Energie­souveränität: strategisch notwendig, industriell anspruchsvoll

Welchen Preis hat die Energiesouveränität für die Stahlindustrie? Eine Einordnung von Alfred Hoffmann, Leiter Energiestrategie der Salzgitter AG.

Beitrag lesen
Das H2Ready Rohr wird mit Hilfe von Hebebändern und Kränen in einen offenen Graben auf einer Baustelle abgesenkt.

03.03.26 | Interview

„Pragmatische Regulierung statt bewusster Wettbewerbs­nachteile“

Lennart Schümann, Experte für das Thema Energiestrategie und -beschaffung bei der Salzgitter AG, erklärt, was der Konzern für den Weg zum grünen Stahl braucht und was die Politik liefern muss.

Interview lesen
Diesen Beitrag teilen
Link kopiert

Die Adresse für diesen Artikel wurde in Ihrer Zwischenablage gespeichert.