Routenwechsel

02. September 2026 | Lesedauer: 13 Minuten
Ein höherer Energiebedarf – und trotzdem wird der Stahl grüner? Energieexperte Stefan Mecke erklärt, wie sich die Energiewirtschaft der Salzgitter AG mit Blick auf die Transformation verändert. Und warum am Ende mit SALCOS® zwar mehr Strom gebraucht wird, der Stahl aber dennoch einen kleineren CO₂-Fußabdruck hat.
Das Wichtigste in Kürze
- CO₂-reduzierter Stahl braucht mehr Strom und Wasserstoff als konventioneller – ohne dass der Gesamtenergiebedarf steigt.
- Der Schlüssel zur Dekarbonisierung ist ein Wechsel des Energieträgers – ein sogenannter Fuel Switch: weg von Koks und Kohle, hin zu grünem Wasserstoff und erneuerbarem Strom.
- Mit dem Transformationsprogramm SALCOS® macht die Salzgitter AG ihre Primärstahlerzeugung zugänglich für erneuerbare Energien – über Direktreduktionstechnologie und Elektrolichtbogenöfen.
- Je nach Wasserstoffanteil sinken die CO₂-Emissionen um 60 bis 95 Prozent gegenüber der klassischen Hochofenroute.
- Bis Mitte der 2030er Jahre soll die Umstellung auf CO₂-arme Stahlproduktion am Standort abgeschlossen sein.
Mitte Februar 2025. Schneegestöber überzieht das Werksgelände der Salzgitter AG mit einer feinen weißen Schicht. Bei Minusgraden erfolgt der erste symbolische Spatenstich für eine der größten Anlagen Europas zur Produktion von grünem Wasserstoff. 100 Megawatt Elektrolyseleistung, moderne Druck-Alkali-Elektrolyse-Technologie. Heute, mehr als ein Jahr nach Baubeginn, nimmt die Anlage deutlich Kontur an. Die Inbetriebnahme ist für 2027 geplant, dann soll sie rund 9.000 Tonnen klimafreundlichen Wasserstoff pro Jahr erzeugen – und damit den Treibstoff für eine neue Ära der CO2-reduzierten Stahlproduktion liefern.
Der Bau ist Teil von SALCOS® (Salzgitter Low CO₂ Steelmaking), einem der ambitioniertesten Transformationsprogramme der europäischen Industrie. Und er steht für eine Grundsatzentscheidung, die die Salzgitter AG vor rund einem Jahrzehnt getroffen hat: Der Konzern setzt nicht nur auf Energie-Effizienzoptimierung, sondern auf einen fundamentalen Wechsel der Energieträger in der Metallurgie.
Ein Widerspruch, der keiner ist
Eine Strategie, die auch Kritiker auf den Plan ruft: Sie argumentieren, dass CO2-reduzierter Stahl zwar als Schlüssel zur Dekarbonisierung gelte, zugleich aber der Energiebedarf steige. Stefan Mecke, Senior Manager Energiestrategie der Salzgitter AG, stellt klar: „Das ist ein Trugschluss. Der Gesamtenergiebedarf sinkt sogar leicht. Was steigt, ist nicht der Energiebedarf an sich, sondern der Bedarf an Strom und Wasserstoff.“

Heute fließen rund 23 Terawattstunden Energie jährlich in das Werk – vorwiegend in Form von etwa zwei Millionen Tonnen Kokskohle und Kohlenstaub. Nach dem vollständigen Umbau im Rahmen von SALCOS® werden es rund 20 Terawattstunden sein – aber eben in Form von Strom, Erdgas und Wasserstoff.
Der Kern des Programms: SALCOS® öffnet die Primärstahlerzeugung für erneuerbare Energien. Denn der klassische Hochofen setzt Kohlenstoff in fester Form ein – und dieser lässt sich nicht sinnvoll dekarbonisieren. Die neue Route setzt deshalb auf eine Kombination aus Direktreduktionsanlage, die mit einem Gasgemisch (zunächst vor allem Erdgas, später zunehmend Wasserstoff) betrieben wird, und Elektrolichtbogenöfen, die mit Strom laufen.
Da der grüne Wasserstoff aus erneuerbarem Strom erzeugt wird, ist dieser am Ende der entscheidende Energieträger. „Das Ziel von SALCOS® ist klar“, sagt Mecke. “Wir machen die Primärstahlerzeugung zugänglich für erneuerbare Energien. Und klimafreundlicher Wasserstoff ist letztlich, wenn man so will, auch Strom – nur in anderer Form.”
„Der Energiebedarf an sich steigt nicht. Was steigt, ist der Bedarf an Strom und Wasserstoff.“
Stefan Mecke, Senior Manager Energiestrategie der Salzgitter AG
Der Weg führt nur über den Energiewechsel
Während in der öffentlichen Debatte häufig über Energieeinsparung gesprochen wird, denkt die Salzgitter AG zusätzlich in einer anderen Kategorie: dem Energiewechsel – englisch „Fuel Switch“. „Unser Ansatz ist es, Emissionen direkt an der Quelle zu vermeiden", erklärt Mecke. „Deshalb verändern wir den Produktionsprozess selbst, anstatt CO2 erst nachträglich zu behandeln." Andere Technologien können in bestimmten Industrien sinnvoll sein, insbesondere dort, wo Emissionen technisch kaum vermeidbar sind. Für die Primärstahlerzeugung in Salzgitter liegt der Schwerpunkt jedoch auf dem Austausch des Reduktionsmittels Kohlenstoff.
Das Prinzip dahinter ist konsequent: Erst wird die Energieeffizienz so weit wie möglich gesteigert. Dafür gibt es im Konzern seit Jahren ein systematisches Energiemanagementsystem. Doch Effizienz allein reicht nicht aus. An einem bestimmten Punkt ist der Prozess so effizient wie physikalisch möglich – und verbraucht dennoch Energie. So zählen die Hochöfen, die heute noch in Betrieb sind, technologisch zu den ausgereiftesten und effizientesten Anlagen weltweit. Weitere CO2-Einsparungen durch Optimierungen sind kaum noch möglich. Der einzige Weg führt deshalb über den Wechsel des Energieträgers selbst.
Woher kommt der grüne Strom?
Die neuen Anlagen brauchen Strom, viel Strom. Sieben Windkraftanlagen auf dem Werksgelände decken nur einen kleinen Teil des Bedarfs. Der Löwenanteil wird extern über sogenannte Power Purchase Agreements (PPAs) zugekauft – langfristige Direktverträge mit Wind- und Solarparkbetreibern, die den Strom eindeutig als Grünstrom zertifizieren. Ein Vorteil des Standorts: Die Salzgitter AG wird im Rahmen von SALCOS® direkt an das Höchstspannungsnetz von TenneT angeschlossen und kann somit große Strommengen aus erneuerbaren Quellen beziehen.

Salzgitter AG SALCOS® Stahl. © RWE/Niklas Marc Heinecke
Ähnlich funktioniert das beim Wasserstoff. Ein Teil wird künftig direkt auf dem Gelände durch die neue Elektrolyseanlage erzeugt, der größere Anteil Wasserstoff wird extern zugekauft. Der Transport erfolgt über das Wasserstoffkernnetz oder, bei Importen von außerhalb Europas, zusätzlich per Schiff über Terminals wie Wilhelmshaven oder Rotterdam.
Der Zusammenhang zwischen Stahl und Energiewende ist dabei keine Einbahnstraße: Stahl braucht erneuerbare Energie – und wird zugleich für die Infrastruktur ihrer Erzeugung eingesetzt. Das zeigt das Offshore-Projekt Thor von RWE in der dänischen Nordsee: Dort kommen erstmals 36 Windtürme des Typs Siemens Gamesa GreenerTower zum Einsatz. Das dafür benötigte CO2-reduzierte Grobblech liefert die Salzgitter-Tochter Ilsenburger Grobblech.
Bis zu 95 Prozent weniger CO₂
Was bedeutet der Umbau konkret für die Klimabilanz? „Mit reinem Erdgas kommen wir auf eine CO2-Einsparung von rund 60 Prozent gegenüber der Hochofenroute“, sagt Mecke. „Mit vollständigem Wasserstoffeinsatz sind es rund 95 Prozent.“ Entscheidend dabei: Die Salzgitter AG setzt auf volle Transparenz gegenüber Kunden und der Öffentlichkeit. Die grünen SALCOS®-Produkte gehen mit einem nachvollziehbar ausgewiesenen CO₂-Fußabdruck und einer entsprechenden Produktzertifizierung raus.
SALCOS® ist keine isolierte Unternehmensentscheidung – es ist Teil eines gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozesses. Die EU hat Klimaneutralität bis 2050 zum Ziel erklärt, Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein, Niedersachsen – als Heimat des Salzgitter-Konzerns – bereits bis 2040. Diese übergeordneten Ziele setzen die Leitplanken und wirken sich auf die notwendige Infrastruktur aus: Das Wasserstoffkernnetz wird gebaut, der Anschluss für die Salzgitter AG ist nach aktuellem Stand für Ende 2029 geplant.
Dass der Markt in Bewegung kommt, zeigt sich auch auf der Angebotsseite: Über eine Wasserstoffausschreibung vor rund anderthalb Jahren hat die Salzgitter AG eine deutlich höhere Wasserstoffmenge angeboten bekommen, als benötigt wird. „Der Markt für klimafreundlichen Wasserstoff entwickelt sich – und das Angebot ist da“, sagt Mecke. Die größte Herausforderung bleibe die Preisfindung für den grünen Wasserstoff.
Unausweichliche Transformation
Die Salzgitter AG erfindet sich gerade neu. Richtig eingeordnet, löst sich der vermeintliche Widerspruch auf: nicht mehr Energie, sondern andere Energie. Nicht Verzicht, sondern Wechsel. „Wenn die Energie, die selbst ein hocheffizienter Prozess noch verbraucht, möglichst wenig CO2 ausstoßen soll“, sagt Mecke, „dann ist der Wechsel des Energieträgers unausweichlich.“ Auf dem Werksgelände in Salzgitter nimmt ein weiterer Baustein dieser neuen Ära Gestalt an.
Ähnliche Beiträge entdecken
H2-Liefervertrag: Verhandlungen im Neuland
10.000 Tonnen grüner Wasserstoff pro Jahr: Was nach Abschluss eines standardisierten Lieferabkommens klingt, war Pionierarbeit zwischen der Salzgitter AG und ihrem Partner EWE. Wie man einen Vertrag ohne Vorlage aushandelt – und was er für die Stahlbranche bedeutet.
Beitrag lesenAuf dem 1,5-Grad-Pfad
Es ist die größte Transformation in der Geschichte der Salzgitter AG: Wie SALCOS® die Dekarbonisierung der Stahlindustrie vorantreibt.
Beitrag lesenDie Adresse für diesen Artikel wurde in Ihrer Zwischenablage gespeichert.

